19. Januar 1997 Nr. 6

Der strenge Winter und das "virtuelle Kraftwerk"

Der strenge Winter erinnert uns mit Nachdruck, wie überlebenswichtig eine zuverlässige Bereitstellung von Energie - in welcher Form auch immer - für uns und unsere Nachwelt ist. Man könnte denken, daß diese allgemein bekannte Tatsache die Verantwortungstr äger unseres Landes beunruhigen müßte, weil die erkundeten Vorräte an Erdöl und Gas in nur wenigen Jahrzehnten erschöpft sein werden.

Statt im Interesse unserer Kinder und Enkel eine dieser Aussicht Rechnung tragende Energiepolitik einzuleiten, lassen die ostdeutschen Landesregierungen im gleichen Zeitraum die ergiebigsten Kohlelagerstätten auskohlen. Durch unsere Kontakte mit anerkannten Fachexperten wissen wir, daß ein erhebliches Potential an regenerierbaren Energiequellen heute technisch erschließbar ist. Schon für unsere Jugend wird die Umsetzung zu zwingender Notwendigkeit.

Diese vorprogrammierte Wende in der Energiepolitik schließt natürlich eine umfassende Einsparung von Energie mit ein. In Kooperation mit dem BUND Leipzig werden wir in Heuersdorf das Projekt "virtuelles Kraftwerk" vorstellen. Durch diese unsichtbare (also virtuelle) Energiequelle soll eine Reduzierung des Ressourcenverbrauchs bei Wahrung der Lebensqualität wissenschaftlich belegt und nachhaltig realisiert werden.

Uns stehen bei diesem Vorhaben international wirkende Institutionen zur Seite. Wir müssen ihnen nur unsere Bereitschaft zur Mitarbeit anzeigen.

Manfred Reuter, Erster Vorsitzender

"Für Heuersdorf e. V."

Aktuelle Nachrichten

Ökologische Neuorientierung gefordert: Für den SPD-Bundestagsabgeordneten und Eurosolar-Präsidenten Hermann Scheer ist Macht, "sich die Energieressourcen anderer aneignen zu können - mit Hilfe von Technik und Kapital". Die Energie- wie die Rohstoffbasis be ruhe aber zukünftig "auf landwirtschaftlicher Tätigkeit". Ohne erneuerbare Rohstoffegehe "der Industriegesellschaft nicht nur die Ernährungsbasis verloren, sie verliert auch die Stoffbasis". Daher müsse die soziale Bewegung "um ihrer eigenen Identität will en die Mitverantwortlichkeit für das Leben der nächsten Generation übernehmen" (Neues Deutschland, 06.01.1997, S. 8).

Kohlelieferungen auch im Winter zuverlässig: Aus dem Tagebau Zwenkau bei Leipzig werden täglich ca. 20.000 Tonnen Braunkohle an die Stromkraftwerke Lippendorf und Thierbach geliefert. Weitere 5.000 Tonnen kommen per Bahn aus dem Tagebau Profen in Sachsen-Anhalt (entsprechend ca. 1,8 Mio. Jahrestonnen). Damit bleibt die vereinbarte Fernwärmelieferung nach Leipzig gesichert. Insgesamt ca. 30.000 Tonnen Braunkohle aus Profen wird täglich an die Großkraftwerke im Leipziger Südraum und in Schkopau bei Halle, aber auch an die Stadtwerke in Dessau, Chemnitz und Erfurt befördert (Leipziger Volkszeitung, 08.01.1997, S. 7).

Ausstellung des Vereins "Verlorene Orte" eröffnet: Im Leipziger Landratsamt werden Zeugnisse der zwölf Orte ausgestellt, die zu DDR-Zeiten dem Tagebau Zwenkau/Cospuden weichen mußten. Rund 6000 Einwohner wurden umgesiedelt. Eine ehemalige Einwohnerin: "Ich kann die Heuersdorfer verstehen, die heute für den Erhalt ihrer Gemeinde kämpfen". Landrat Werner Dieck verwies darauf, daß die Tagebaulandschaft bald in einen "grünen Ring für Leipzig" verwandelt werden soll (Leipziger Volkszeitung, 09.01.1997, S. 16).

Zukunft der Werkstoff-Union weiter unklar: Entgegen der angekündigten Kaufabsicht eines amerikanischen Investors (Leipziger Volkszeitung, 07.01.1997, S. 1) erklärt das sächsische Wirtschaftsministerium, es gebe keinen Investor für das stromintensive Stahl werk in Lippendorf. Für Sequester Winfried Andres stehen die Chancen aber noch "Fifty-Fifty" für die Betriebsübernahme. Damit könnten rund 200 Arbeitsplätze gesichert werden (Leipziger Volkszeitung, 10.01.1997, S. 7).

Energiekoalition von Bündnis 90 / Die Grünen kritisiert: Die Bundesvorstandssprecherin Gunda Röstel vermutet einen Tauschhandel zwischen CDU und SPD "zugunsten veralteter und hochgefährlicher Energieträger". Die gegenseitige Duldung von Atomkraft und (Stein-)Kohlesubventionen würde "eine unverantwortliche energiepolitische Stagnation bedeuten" (Leipziger Volkszeitung 11.01.1997, S. 3). Aus der Stellungnahme geht nicht hervor, ob die Grundlasterzeugung ostdeutscher Braunkohlekraftwerke als Ersatz oder als Vorbote der Atomkraft zu betrachten sei, oder ob sie wegen Innovationsverluste und hoher CO2-Emissionen abgelehnt wird.

Rückblende

Im Antrag der Fraktion der SPD an den Sächsischen Landtag zum Thema "Energie- versorgungsunternehmen in Sachsen" vom 25.03.1996 (Drucksache 2/2977) wird das Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit zu einem Konzept aufgefordert, mit dem die Energieabnehmer "durch geeignete Maßnahmen zu drastischen Energieeinsparungen" angeregt werden und das auch geeignet belohnt wird. "Über ein Ausgleichskonto sollten Absatz-Verluste durch zielgerichtete Energieeinsparaktivitäten mit den Verbrauchern ebenso ausgeglichen werden, wie Mehrgewinne - durch über den Prognosewerten liegende Absätze - abgeschöpft werden können". In seiner Antwort vom 17.04.1996 bezeichnete Wirtschaftsminister Kajo Schommer eine umfassende Bewertung "erst anhand der zukünftig zu sammelnden Erfahr ungen"als möglich, "wenn die Versorgungsunternehmen Least-Cost-Planning-Maßnahmen konkret planen bzw. durchgeführt haben. Zur Zeit gibt es derartige Aktivitäten - soweit bekannt - noch nicht". Die Anerkennung von Ausgleichskonten würde bedeuten, "daß die S trompreisaufsicht über Unternehmensgewinne mitverfügt. Dies erscheint rechtlich und auch wirtschaftlich nicht unproblematisch". Doch: "Als gesellschaftliche Aufgabe werden entsprechende Energiesparaktivitäten auch durch öffentliche Mittel gefördert...Förde rprogramme des Bundes und des Freistaates demonstrieren dies in begrenztem Umfang". (AZ 43-4555.0)