30. Juli 1999 Nr. 62

Energieschauplatz

Die Leipziger Messegesellschaft will erstmals im Jahre 2001 eine Energiemesseaustragen, um die Bedingungen des liberalisierten Energiemarktes zu präsentieren (Leipziger Volkszeitung, 07.07.1999, S. 5). Die Ambivalenz dieses Themas ist in Sachsen besonders deutlich. Wegen einer unzureichenden Industrieproduktion steht weitaus mehr Stromerzeugungs-Kapazität zur Verfügung, als benötigt wird. Der Welt modernste Braunkohlekraftwerke und rund 250 Windkraftanlagen (Leipziger Volkszeitung, 08.07.1999, S. 4) ernten viel Lob aber auch nicht wenig Kritik. Die Bereitstellung konkurrenzfähigen Stromes hat sich zur Überlebensfrage der Energieversorger entwickelt. Die Branche steht nach Ansicht des RWE-Chefs Manfred Remmel "kurz vor einem Big Bang" (Der Spiegel, 30/1999, S. 22).

Leipzig würde deshalb von einer überregional bekannten Energiemesse profitieren. Obwohl Ostdeutschland auf dem europäischen Strommarkt nur eine Nebenrolle spielt, könnte ein umfassender Erfahrungsaustausch im Ost-West-Gefüge die Stadt zu einer ersten Adresse der Energiebranche machen.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Konfliktverschärfung: Nach Ansicht der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) führt die Mehrheit der Heuersdorfer Bevölkerung bereits eine "Abstimmung mit den Füßen" durch (Pressemitteilung, 14.07.1999). Der Verein "Für Heuersdorf e. V." gab gerichtliche Schritte gegen den Sächsischen Wirtschaftsminister Kajo Schommer wegen unzutreffender Behauptungen über den Ortschaftsrat bekannt (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 26.07.1999, S. 22). Die Grüne Bundesvorstandssprecherin Gunda Röstel bezeichnete die Arbeitsweise des Umzugsbüros in Heuersdorf als "eine Art Zwangsberatung" (s. Dokumentation). (Obwohl Prof. Richard Reschl "keine Akzeptanz für weitere Umsiedlungen" bei der Ortsverlagerung von Großgrimma gesehen hatte - s. Heuersdorf Aktuell Nr. 19 -, leitet er heute das Beratungsbüro in Heuersdorf.) Für Ortsvorsteher Horst Bruchmann ist der Kampf um den Ort noch nicht entscheiden (Frankfurter Rundschau, 28.07.1999, S. 6). "Die Staatsregierung verschanzt sich hinter dem Begriff Allgemeinwohl, jetzt soll sie es vor Gericht nachweisen".

Zukunftsenergie: Die Leipziger Photovoltaik-Tankstelle wird vom städtischen Parkdeck zum Cospudener See (einem ehemaligen Tagebau) verlagert, um als Ladevorrichtung für Elektrobusse und -boote zu dienen (Leipziger Volkszeitung, 22.07.1999, S. 17). Mit Unterstützung der Vereins "Solar City" soll auf dem Dach der Nikolaikirche eine Photovoltaikanlage mit Stromausbeute von 4000 kWh/a installiert werden (Leipziger Volkszeitung, 30.07.1999, S. 13). Damit kann etwa ein Zehntel des Elektroenergiebedarfs gedeckt werden. Der Anteil von Windkraftprojekten am Gesamtaufkommen der deutschen Kapitalfonds betrug 1998 rund 2 Prozent (Neues Deutschland, 26.07.1999, S. 10). Die für Windkraftfonds prognostizierte Ausschüttung von 8,1 Prozent im Jahr 2000 übertrifft die Gewinnerwartungen bei Auslandsimmobilien.

Wenig Abhilfe: Nach Erkenntnis von Wissenschaftlern des Woods-Hole-Institutes ist die Kohlendioxid-Speicherwirkung der amerikanischen Wälder weitaus geringer, als früher angenommen wurde (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.199, S. N 1). Der Verzicht auf geeignete Klimaschutzmaßnahmen (vgl. Rückblende) wird nicht ausreichend durch die verstärkte Düngungswirkung von Verbrennungsprodukten (CO2 und NOx) kompensiert.

Reine Sache: Die Vereinigte Energiewerke AG (VEAG) will täglich die Abwasserdaten des Neubaukraftwerkes Lippendorf an das Staatliche Umweltfachamt Leipzig übermitteln, um eine sinnvolle Steuerung der Speicherbewirtschaftung und Gewässernutzung im Pleiße-Einzugsgebiet zu fördern (Freie Presse Online, 29.07.1999). Nach den ersten Betriebserfahrungen ist das Kraftwerksabwasser sauberer als das stark belastete Wasser des Flusses.

Investitionshemmnis: Die südafrikanische Petrochemiefirma Sasol hat Interesse an einer Betriebsinvestition von über 200 Millionen Mark in Leuna bekundet (Leipziger Volkszeitung, 29.07.1999, S. 6; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 36, 51, 56). Die Kosten in Ostdeutschland für Energie, Dampf, Wasser und Entsorgung werden allerdings als zu hoch eingeschätzt. Am Standort Leuna sind derzeit ca. 10.000 Menschen beschäftigt.

Dokumentation

"Grünen-Vorstandssprecherin Röstel lehnt Umsiedlung von Heuersdorf ab", Pressemitteilung vom 25.07.1999: "Die Bundesvorstandssprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Gunda Röstel, hat sich bei einem Besuch in Heuersdorf am 22. Juli gegen eine Umsiedlung des Dorfes ausgesprochen. (...) Das bisherige Energiekonzept des Freistaates Sachsen mit dem Schwerpunkt Braunkohle sei völlig veraltet. Notwendig sei ein neues Energieprogramm, das die Entwicklung auf dem Energiemarkt hin zu einer dezentralen Stromerzeugung und eines verstärkten Einsatzes regenerativer Energien wie Windkraft und Sonnenenergie berücksichtigt. Scharfe Kritik übte die Grünen-Politikerin auch an der Eröffnung eines sogenannten Beratungsbüros für umsiedlungswillige Einwohner in Heuersdorf durch die Sächsische Staatsregierung. Den Mitarbeitern dieses Büros warf Frau Röstel vor, mit Methoden umzugehen, die fatal an DDR-Zeiten und die damalige Zwangskollektivierung erinnern. So werde versucht, die Dorfbewohner durch Telefonanrufe und Besuche unter Druck zu setzen. Frau Röstel bezeichnete dies als 'eine Art Zwangsberatung'".

Rückblende

"Töpfer zur WELT: Mit CO2-Abgabe Industrie ökologisch modernisieren", Die Welt, Nr. 288, 1990, S. 4: "Die von den Unionsparteien beabsichtigte Kohlendioxid-Abgabe soll keineswegs als 'Vehikel zur Erhöhung der Staatsquote' dienen. 'Zweck ist' nach Bundesumweltminister Klaus Töpfers Plänen 'nicht das Geldaufkommen, sondern der Anreiz zu umweltfreundlichem Verhalten' bei der industrieellen Brennstoffnutzung. (...) Einig ist die Koalition sich seit Juli 1990 über das Ziel, den deutschen Kohlendioxid-Ausstoß bis zum Jahr 2005 um 25 Prozent zu senken. (...) Das Vermeidungsziel 'sollte' trotz der Zusatzlasten aus den neuen Bundsländern gehalten werden. (...) Im In- und Ausland indessen, 'das ist keine utopische Hoffnungsgröße', werde in modernsten Neubau- oder entsprechend nachgerüsteten Kraftwerken mittels zusätzlicher Gas- und Dampfnutzung ('GuD-Verfahren') bereits ein Nutzungsgrad von 'deutlich über 50 Prozent hinaus' erzielt. Bei außerdem 'ausgekoppelter' Nutzung der Abwärme - mit hohen Temperaturen als Prozeßwärme für die Industrie, darunter als Heizwärme für Gebäude - seien '70 Prozent und mehr erreichbar'. (...) Die genannten Nutzungsgrade gelten als vorläufige 'Arbeitsgrößen' für die Zumessung der Abgabe. Töpfer meint, unterhalb der dem 'Stand der Technik' gemäßen 50-Prozent-Schwelle soll gezahlt werden. 'Vielleicht bei 70 Prozent' wäre ein Bonus anzurechnen".