30. August 1999 Nr. 64

Stromschlag

Die RWE und die Energieversorgung Baden-Württemberg (EnBW) umwerben ostdeutsche Kunden mit zum Teil unter den Herstellungskosten liegenden Strompreisen. Wirtschaftsminister Kajo Schommer hat diesen "ruinösen Verdrängungswettbewerb" scharf kritisiert (Freie Presse, 21.08.1999). Je mehr Strom aus dem Westen importiert werde, um so mehr Arbeitsplätze seien gefährdet. Die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) hat bereits den Abbau weiterer 2000 Stellen bis 2003 angekündigt (Berliner Zeitung 21.08.1999).

Die Devastierung von Horno und Heuersdorf wurde stets mit der Sicherung von Arbeitsplätzen begründet. Doch nun sorgen die Kraftwerkseigentümer selbst für einen arbeitsmarktpolitischen Flächenbrand.

Das ist auch nicht das Ende der Fahnenstange. In England wird Westeuropas größtes Kohlekraftwerk zum fast gleichen Preis (3 Milliarden Dollar) wie das Kraftwerk Lippendorf an die amerikanische AES Corporation verkauft (The Energy Daily, 19.08.1999, S. 1). Doch wegen der gut zweifachen Erzeugungsleistung (3960 MW) ist die Amortisierung pro Kilowattstunde erheblich geringer. Aus finanztechnischer Sicht sind damit die ostdeutschen Braunkohlekraftwerke im Grunde schon veraltet.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Erneute Verschärfung: Der sächsische Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat das Umsiedlungsbüro in Heuersdorf verurteilt (Freie Presse, 04.08.1999). "Dieser Eingriff in die Privatsphäre der Heuersdorfer erinnert an dunkelste DDR-Zeiten", betonte BUND-Geschäftsführer Ulrich Krößin. "Wir sind 1989 auf die Straße gegangen, um den ökologischen Umbau ohne zentralistische Bevormundung einzufordern. Doch nun erleben wir den Rückfall in eine bedingungslose Durchsetzung staatlicher Energiepolitik" (vgl. Schreiben von Kurt Biedenkopf in Heuersdorf Aktuell Nr. 1). Nachdem am 25. August in der ZDF-Sendung "mit mir nicht" der Heuersdorfer Ortsvorsteher Horst Bruchmann massive Vorwürfe an den Freistaat Sachsen richtete, verwies die Bundessprecherin von Bündnis 90/ Die Grünen, Gunda Röstel, auf den fehlenden wirtschaftlichen Grund für die Abbaggerung (Leipziger Volkszeitung, 27.08.1999, S. 4). Der Sprecher des sächsischen Wirtschaftsministeriums Armin Reck nannte die Angriffe eine "Verfälschung". In der Sendung sei nicht ein einziger Bürger vertreten gewesen, der "umsiedlungswillig" ist. (Die Sächsische Staatsregierung hat ihre eigene Beteiligung mehrfach abgelehnt.) Nach Aussage von Ulf Stüwe von der Vereinigte Energiewerke AG (Veag) hänge die Wirtschaftlichkeit des Kraftwerks Lippendorf von der Abbaggerung von Heuersdorf ab (vgl. Rückblende).

Zukunftsbewußt: Eine Expertenkommission des US-Präsidenten hat eine Verdreifachung der staatlichen Fördersummen für die Entwicklung exportfähiger Energietechnikangeraten (The Wall Street Journal, 20.08.1999, S. A12). Zur Begründung wird auf einevoraussichtliche Verdopplung des globalen Energieverbrauchs bis 2025 hingewiesen. Der Kommissionsleiter John P. Holdren befürwortet eine US-Vorreiterrolle bei der Atomtechnik aus sicherheitspolitischen Erwägungen. James Ball von der Union of Concerned Scientists beklagt jedoch die Unterbewertung dezentraler Energieerzeugung bei Nutzung der Solartechnik.

Ereignis des Superlativen: Nach Mitteilung des Bundesverbands Braunkohle (DEBRIV) wird das Kraftwerk Lippendorf im Dezember 1999 mit dem weltgrößten und modernsten Braunkohlen-Kraftwerksblock (933 Megawatt Bruttoleistung) ans Netz gehen (Freie Presse, 14.08.1999; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 54, 58).

Modernisierungserfolge: Das Fernwärmenetz der Stadt Leipzig ist vollkommen von Dampf- auf Heißwasser umgestellt worden (Leipziger Volkszeitung, 19.08.1999, S. 15). Die Stadtwerke Leipzig haben zum 1. November eine Senkung der Strompreise von bis zu 22 Prozent für Privatkunden angekündigt (Leipziger Volkszeitung, 26.08.1999, S. 1). Der BUND weist darauf hin, dass mit abschaltbaren Mehrfachsteckdosen und Stromspargeräten jeder Haushalt bis zu 350 DM im Jahr einsparen könne (Pressemitteilung 26.08.1999).

Seichtes Fahrwasser: Nach Ansicht von Hajo Hoffmann, dem Präsidenten des Deutschen Städtetags, sei durch den Strompreiswettbewerb rund ein Drittel der 145.000 Arbeitsplätze bei den kommunalen Energieversorgern gefährdet (Handelsblatt, 25.08.1999, S. 7). Die umweltpolitischen Ziele des Klimaschutzes, die Nutzung regenerativer Energien und die Umweltvorteile der Kraft-Wärme-Kopplung werden gleichermaßen zur Disposition gestellt. In Sachsen sei der Nachholbedarf bei der Sonnenenergienutzung "offenkundig", erklärte der Vorsitzende des Fachverbands Sanitär-Heizung-Klima (SHK), Bruno Schliefke (Leipziger Volkszeitung, 17.08.1999, S. 7; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 50). Zur Umsatzsteigerung wird nun die Initiative "SHK-Solarmeister Sachsen" für 2200 Handwerksbetriebe ins Leben gerufen. Der Freistaat Sachsen stellt in diesem Jahr vier Millionen DM zur Förderung der Solarenergie zur Verfügung. Beim grünen Stromangebot der Stadtwerke Leipzig konnten bislang lediglich 13 Kunden gesichert werden (Leipziger Volkszeitung, 18.08.1999, S. 18).

Rückblende

"Die Zukunft für 17 Pfennig", Der Spiegel, 48/1990, S. 79: "Von den ehemals über 12000 Arbeitern des Braunkohlewerkes Borna wurden rund 2000 bereits entlassen, weitere 2000 schieben Kurzarbeit. Das Öko-Gutachten des Landkreises rechnet damit, daß demnächst ein Drittel aller Jobs im Kreis verschwinden wird. (...) Die Westdeutschen sind noch vorsichtig.Bis 1991 wollen sie prüfen, ob es überhaupt lohnt, in das Revier zu investieren. Gut sieht es nicht aus. Denn die Bornaer Braunkohle ist mies. Sie besteht zu 30 Prozent aus Wasser, enthält viel Asche und vor allem knapp vier Prozent Schwefel".

"Der Strombedarf wird nicht in nennenswertem Maße zurückgehen", Interview mit August Wilhelm Eitz, Vorstand der Vereinigte Energiewerke AG, Zeitlupe, 6/1995, S. 13: "'Wenn Heuersdorf stehenbleibt, brauchen wir eine klare Aussage der Mibrag, woher die Kohle kommen soll. Wir können das Projekt immer noch anhalten'. Falls Heuersdorf nicht wegkommt, drohen Sie diesen Stopp an? 'Nocheinmal: Wenn uns die Mibrag die Kohle auch ohne Heuersdorf in vereinbarter Menge und Qualität zu den vereinbarten Konditionen liefern kann, haben wir keinen Grund zu einem solchen Schritt'".