10. September 1999 Nr. 66

Milchmädchen gefragt

Die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) muss Abschreibungszeiten verkürzen und Sonderabschreibungen auflösen, um auf dem liberalisierten Strommarkt konkurrenzfähig zu bleiben (Berliner Zeitung, 04.09.1999). Doch nach Angabe des Vorstandsvorsitzenden Jürgen Stotz sei man bereits mit der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) über künftige Preissenkungen einig, um das Kraftwerk Lippendorf kostengünstig zu betreiben.

Es ist geradezu erstaunlich, wie nun plötzlich Ertragskürzungen in Milliardenhöhe von der Energiewirtschaft verkraftet werden können. Um den Stromrabatt von 15 Prozent zu gewähren, verlangt die Veag eine Senkung des Kohlepreises um rund ein Drittel (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 65).

Im Vergleich dazu ist der erwartete Gewinn aus der Heuersdorfer Braunkohle beinahe vernachlässigbar. Doch die Umfahrung der Ortschaft würde die Mibrag angeblich ruinieren. Eine 10prozentige Fremdbekohlung des Kraftwerks Lippendorf wäre trotzdem billiger als die Devastierung des Dorfes.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Markttrubel: Veag-Chef Jürgen Stotz hat einigen westdeutschen Energieversorgern vorgehalten, Strom aus Polen über Tochterfirmen einzukaufen und in Deutschland abzusetzen (Berliner Zeitung, 04.09.1999). Dadurch werde der Strom "regelrecht gewaschen". Durch die Fusion der Energieunternehmen Viag AG (München) und Veba AG (Düsseldorf) sieht Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer den Bestand der Veag sowie von Regionalversorgern und Stadtwerken gefährdet (Freie Presse, 04.09.1999). Um dem entgegenzuwirken, schlägt er die Ansiedlung der geplanten Veba-Viag-Netzbetreibergesellschaft in Leipzig statt in Bayreuth vor. Für die Stadtwerke Leipzig bleibt der angekündigte Preisnachlass der Veag von 15 Prozent hinter den Erwartungen zurück (Leipziger Volkszeitung, 04.09.1999, S. 20; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 65). Beim richtigen Wettbewerb wäre man nicht mehr auf die Veag (und auf Stromlieferungen aus Lippendorf) angewiesen. Ab dem 01. Oktober werden 13 Stadtwerke aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam verbilligten Strom anbieten (Berliner Zeitung, 07.09.1999). Der Markenname "lokal energy" soll westdeutschen Billigstromangeboten entgegengesetzt werden. Der Industrieausschuss der Magdeburger Industrie- und Handelskammer (IHK) hat die Abschaffung der Braunkohleschutzklausel gefordert, um bei sinkenden Strompreisen die Mehrbelastung der ostdeutschen Betriebe nicht zu zementieren (Leipziger Volkszeitung, 08.09.1999, S. 6). Nach Erkenntnis der Chemnitzer Freie Presse (10.09.1999) habe Wirtschaftsminister Schommer "schon vor längerem prognostiziert", dass die Schutzklausel "nicht mehr lange zu halten sein wird".

Sonnige Zeiten: Die sächsische Firma für Solar-Technik "Solar-Köhler" hat einen einfachen Solarofen entwickelt, um die Speisezubereitung in holzarmen Regionen zuermöglichen (Leipziger Volkszeitung, 04.09.1999, S 4). Das Gerät sei auch im Kleingarten verwendbar. Im Freistaat Sachsen werden für die Jahre 1999 und 2000 insgesamt 8 Millionen Mark für die Förderung von solarthermischen Anlagen bereitgestellt (Freie Presse, 04.09.1999). Derzeit gibt es landesweit rund 6200 Solaranlagen zur Warmwasseraufbereitung mit einer Gesamtfläche von 55.000 Quadratmetern.

Innovativ: Das mit Braunkohle befeuerte Heizkraftwerk der Cottbuser Stadtwerke steht kurz vor der Inbetriebnahme (Berliner Morgenpost, 06.09.1999). Mit einem druckaufgeladenen Wirbelschichtkessel wird Wärme, mit angeschlossenen Gas- und Dampfturbinen auch Strom erzeugt. Rund 50 Millionen DM Fördermittel des Landes Brandenburg sowie knapp 30 Millionen Mark EU-Gelder wurden für die Projektrealisierung aufgewendet. Bei der Sanierung des Tagebaurestlochs Peres führt die Mitteldeutsche Umwelt und Entsorgungs GmbH Reststoffe aus dem Kraftwerk Lippendorf über eine zweifache Rohrleitung (2140 und 2160 Meter lang) zu einer 120 Millionen DM teuren Aufbereitungsanlage (Leipziger Volkszeitung, 09.09.1999, S. 7).

Einkaufsbegehren: Dem französischen Staatskonzern Electricité de France (EdF) werden gute Chancen zugerechnet, zum Preis von rund 5 Milliarden DM den 25prozentigen Privatisierungsanteil der Energie Baden-Württemberg (EnBW) zu übernehmen (Kieler Nachrichten, 08.09.1999; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 17, 49). EdF verfügt über insgesamt 55 Atomkraftwerke, die Überkapazitäten von bis zu 40 Prozent aufweisen. Die RWE Energie will im Rahmen ihrer "Strategie des profitablen Wachstums" jährlich fünf Milliarden Mark für Firmenübernahmen bereitstellen. Als mögliche Kandidaten gelten Unternehmen im angrenzenden Ausland oder auch die Vereinigte Energiewerke AG (Veag).

Düstere Aussichten: Nach Einschätzung der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) wird der Preiswettbewerb auf dem Energiemarkt in den nächsten ein bis zwei Jahren mindestens 40.000 Arbeitsplätze kosten (Kieler Nachrichten, 09.09.1999). Auf einer Demonstration in Leipzig sprach ÖTV-Kreisgeschäftsführer Bernhard Krabiell die Befürchtung aus, dass die angekündigte 15prozentige Preissenkung der Veag "durch Arbeitsplatzabbau kompensiert wird" (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 65, Rückblende).

Rückblende

Gesamtverband des Steinkohlenbergbaus, Stellungnahme zum Thema ökologische Energiewirtschaft, in: Stirbt der Wald?, Karlsruhe, 1982, S. 164 - 165: "Die Umweltdiskussion wird heute vielfach auf der Basis überholter Energieprognosen geführt.(...) Grundsätzlich besteht weitgehende Übereinstimmung darüber, daß der rationellen Energieanwendung erste energiepolitische Priorität zukommt.(...) Auch außerhalb der 'ökologischen Bewegung' hat die Erkenntnis zugenommen, daß Großtechnologien allein kein geeignetes Mittel zur Lösung der Wirtschaftsprobleme sein können. Auch Entwicklung und Einsatz dezentraler Versorgungssysteme können in vielen Sektoren positiv auf Produktion und Arbeitsmarkt ausstrahlen.(...) Bei aller Übereinstimmung über die Richtung der Entwicklung von Wirtschafts- und Energieverbrauchsstruktur, muß aber auch der Faktor Zeit berücksichtigt werden. Die Umstrukturierung des Energiemarktes kann nicht bruchartig ablaufen, sondern muß sich stetig entwickeln, wenn nicht riskiert werden soll, daß insbesondere die Arbeitsmarktprobleme eine auf Dauer nicht mehr lösbare Dimension erreichen".