17. September 1999 Nr. 67

Fahne im Wind

Wirtschaftsminister Kajo Schommer soll schon lange vorausgesehen haben, dass die Braunkohleschutzklausel nicht zu halten sei (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 66). Doch gegenüber dem Regionalen Planungsverband Westsachsen verteidigte er am 07.08.1997 die Abbaggerung von Heuersdorf damit, dass sich die energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen"nicht geändert" hätten.

Nur selten wird eine so hohe Meinungsvielfalt in einer Person verkörpert. Damit ist aber letzlich keine Aussage des Wirtschaftsministers verbindlich.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Umgestaltung im Gange: Am Standort des Auslauf-Kraftwerkes Thierbach wird das "Institut für Entwicklung und Technologie der Energietechnik" von mittelständischen Unternehmern aus Leipzig gegründet (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 10.09.1999). Nach Angabe des federführenden Geschäftsführers der Mittelstands-Projekt GmbH (MIP), Bernd Mühling, stehen Systeme der regenerativen Energiegewinnung sowie weiterführende Formen der Nutzung der Sonnenenergie im Mittelpunkt. Ein Grundlagenvertrag zwischen der Vereinigte Energiewerke AG (Veag) und MIP zielt auf die Schaffung von Arbeitsplätzen. Umweltminister Rolf Jähnichen verwies auf die geplante Bauteilfertigung für das energiesparende "RegioHaus". Nach der Schließung des Kraftwerks werden bis Mitte 2000 im Zuge des sicherheitstechnischen Rückbaus die verbleibenden 270 Arbeitsplätze abgebaut (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 17.09.1999). Bis 2001 entstehen jedoch beim französischen Konzern LaFarge 80 Jobs in der Gipsverarbeitung am Standort Lippendorf (s. Heuersdorf Aktuell 8, 26, 49).

Abstand geboten: Der Energiereferent des Bund Naturschutz Bayern, Ludwig Trautmann-Popp, sagt nach der "Marktbereinigung" durch wenige Grossunternehmen ein Strompreisdiktat voraus (Fränkischer Tag, 11.09.1999). Bei den derzeitigen Billigangeboten steht auch der gewöhnlich verlangte Grundpreis im Widerspruch zur Marktwirtschaft: "Das ist, wie wenn ich an der Tankstelle Eintritt bezahlen müsste." Anders als bei der Telekommunikation sei der Strommarkt kein Wachstumsmarkt: "Nur, weil Strom billiger wird, wird sich niemand einen zweiten Kühlschrank in die Küche stellen."

Bestandssicherung: Nach Erkenntnis der Leipziger Volkszeitung (11.09.1999, S. 6) wollen einige Stadtwerke zusammen mit der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) einen Quotenschutz für ihre Stromproduktion fordern (vgl. Heuersdorf Aktuell Nr. 66). Die Stadtwerke Leipzig AG hat für das Geschäftsjahr 1998 erneut Absatzrückgängevermeldet (s. Dokumentation). (Der Strombezug aus dem Kraftwerk Lippendorf wurde jedoch mit einer Verbrauchssteigerung von 30 Prozent bis 2000 begründet; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 36.)

Phönix aus der Kohle: Die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) entwickelt den Standort Schwarze Pumpe zu einem Dienstleistungszentrum, in dem ein Drittel der ca. 6000 Beschäftigten des Unternehmens arbeiten (Berliner Morgenpost, 12.09.1999). Das Veag-Kraftwerk und das Sekundärrohstoff-Verwertungs-Zentrum (SVZ) stellen weitere bedeutende Investitionen dar.

Offenbarungseid: Nach Erkenntnis des Landesbezirksleiters Brandenburg-Sachsen der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Ulrich Freese, bedeuten die in Aussicht stehenden Preissenkungen für die Lausitzer Braunkohle von rund 20 Prozent "Verluste von 630 Millionen DM, das ist so viel wie die Personalkosten der Laubag ausmachen" (Leipziger Volkszeitung, 13.09.1999, S. 5; vgl. Heuersdorf Aktuell Nr. 65, 66). Um den gleichen Strompreis zwischen Ost und West zu erreichen, müsse der Preis im Osten um das Zwei- bis Dreifache gesenkt werden. Freese: "Wo das herkommen soll, weiß ich erst recht nicht". Die Energie Sachsen Brandenburg AG (Envia) plant indes eine Kampagne: "Unser Strom ist garantiert von hier!" (Freie Presse, 16.09.1999). Die Lieferung von Elektroenergie aus der heimischen Braunkohle soll Arbeitsplätze in Sachsen sichern.

Dokumentation

Stadtwerke Leipzig AG, Geschäftsbericht 1998, S. 7 - 8: "Wie die Rahmenbedingungen bereits erwarten lassen, war die Entwicklung in denjenigen Marktsegmenten nicht zufriedenstellend, die von der privaten Nachfrage geprägt werden.(...) Aus diesen Gründen ging die Nachfrage unserer Tarifkunden zurück: In der Sparte Strom um 52 GWh oder 7 % (...) Beim Energieträger Fernwärme (...) war der Absatz gegenüber dem Vorjahr um 4 % (-72 GWh) niedriger. Positiv hingegen hat sich die leichte Aufwärtsbewegung von Gewerbe und Industrie bemerkbar gemacht.(...) Der Stromabsatz konnte um 3 % (20 GWh)(...) zulegen.(...) Auswirkungen auf die wirtschaftliche Lage des Unternehmens als Folge des liberalisierten Energiemarktes waren 1998 im Rahmen des sich beginnenden Preisdruckes für die Produktgruppe Strom und dort insbesondere für industrielle und gewerbliche Kunden zu verzeichnen".

"Der Koloß von Lippendorf", VDI Nachrichten, 10.09.1999: "Das neue Braunkohlekraftwerk in Lippendorf bei Leipzig gilt als das weltweit größte seiner Art: Jeder der beiden Blöcke hat eine Leistung von mehr als 930 MW.(...) Der Testlauf hält, was die Planer versprechen: Block S stellte schon nach wenigen Tagen mit 932 MW einen Weltrekord auf. Veag-Technikvorstand Eckhardt Dubslaff ist sich sicher: 'Da ist noch mehr drin'. Alles erscheint gigantisch: Die Investitionen - Grundsteinlegung war Ende November 1995 - belaufen sich auf 4,1 Mrd. DM. Dafür ist ein riesiger Koloß 15 km vor den Toren Leipzigs entstanden. Die beiden 175 m hohen Kühltürme sowie 154 m hohen Kesselhäuser bestimmen die Silhouette.(...) Bänder, Silos und auch die acht Mühlen sind hermetisch abgeschlossen, kein Körnchen darf nach außen gelangen. So ist es auch mit dem Aschetransport. Rund 35 000 t Braunkohle wird das Kraftwerk täglich verschlingen, aufs Jahr hochgerechnet, macht das 10 Mio. t. Sie kommt über Förderbänder direkt aus dem unmittelbar benachbarten Tagebau Schleenhain, der der Mibrag gehört. Dorthin gelangt auch die Asche, sie wird zum Verfestigen bereits entkohlter Bereiche genutzt.(...) Das Kraftwerk soll mit höchstens 312 Mitarbeitern betrieben werden. Betreiber ist allein die Veag.(...) Einen Weltrekord erreicht die Anlage auch mit ihrem Nettowirkungsgrad von 42,5 %.(...) Insofern soll der hohe Umsetzungsgrad der Kohle zu Strom zur Wirtschaftlichkeit und zum Umweltschutz beitragen.(...) Dank der Wärmeauskopplung (Kraft-Wärme-Kopplung) als Fernwärme für Leipzig wird der Gesamtnettowirkungsgrad sogar auf fast 47 % steigen. Da die Kohle nur einige hundert Meter vom Kraftwerk entfernt gefördert wird, fallen auch die Transportkosten vergleichsweise sehr niedrig aus. Deshalb hofft der Veag-Vorstandschef Jürgen Stotz, daß das Braunkohlekraftwerk in Lippendorf gute Voraussetzungen hat, um wettbewerbsfähigen Strom liefern zu können".