21. März 2000 Nr. 79

Insidergeschäft

Bei der RWE AG soll Rheinbraun im neuen Bereich “multi energy” die Braunkohlekraftwerke übernehmen und Strom zum betriebsinternen Preis von 3,5 Pfennig pro Kilowattstunde an die RWE Energie AG verkaufen (VDI nachrichten, 03.03.2000).

Die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) erzielt demgegenüber keinen Gewinn aus dem doppelten Stromabgabepreis (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 78). Anfang 1999 ging man sogar noch vom dreifachen Erlös aus (Heuersdorf Aktuell Nr. 54). Energieintensive Industrien werden indes kaum noch Ansiedlungen in den neuen Bundesländern erwägen. Vielleicht entsteht jedoch eine Renaissance der Elektroheizung, wenn diese im Vergleich zur Fernwärme billiger wird.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Umsiedlung absehbar: Nach dem Willen des Brandenburger Braunkohlenausschusses sollen ab 2003 die mehr als 650 Einwohner des Lausitzer Haidemühl nach Spremberg umgesiedelt werden (Berliner Zeitung, 03.03.2000, s. Heuersdorf Aktuell Nr. 68, 69, 70, 74). Die Braunkohle aus dem Tagebau Welzow-Süd wird an das Kraftwerk Schwarze Pumpe geliefert.

Zukunftsgeschäft: Energieversorger und Industrieunternehmen in der Europäischen Union sollen bis spätestens 2005 einem EU-System für den Handel mit Zertifikaten für die Emission von Kohlendioxid unterworfen werden (taz, 04.03.2000). (Das Kraftwerk Lippendorf emittiert ca. 11, Jänschwalde derzeit 22 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr.)

Planungsunsicherheiten: Wegen Investitionskürzungen bei der Veag steht nun die Baufertigstellung des 1060-MW-Pumpspeicherwerks Goldisthal in Frage, obwohl bereits 900 Millionen der 1,1 Milliarden DM Gesamtkosten verbaut worden sind (Stuttgarter Zeitung, 06.03.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 10, 11, 69, 78). Eine Fusion der Veag mit der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) würde nach Ansicht des Vorsitzenden des Hauptbetriebsrats, Helmut Franz, bei den Bergleuten auf Widerstand stoßen, sollte eine Betriebsvereinbarung vom August 1998 über die Unterlassung weiterer betriebsbedingter Kündigungen bis 30. Juni 2001 nicht beachtet werden (Berliner Morgenpost, 06.03.2000; s. Dokumentation). Nach Erkenntnis der Firma McKinsey wären Synergieeffekte durch eine Fusion nicht zu erwarten.

Ungeliebter Nachbar: In Böhlen protestieren viele Bürger gegen die Verdunklung der Sonne um bis zu fünf Stunden pro Tag durch Dampfschwaden aus dem Kraftwerk Lippendorf (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 08.03.2000). In einem vor dem Bau des Kraftwerks erstellten Gutachten wurden jedoch lediglich 30 von durchschnittlich 1515 Sonnenstunden pro Jahr als beschattet angegeben.

Stimmungsbilder: Während einer Anhörung der sächsischen CDU-Landtagsfraktion zur Energiepolitik hat der Berliner Energieversorger Bewag die Übernahme aller Veag-Anteile als Entflechtungsmaßnahme angeboten (Lausitzer Rundschau, 11.03.2000). Der Brandenburger Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß erklärte, dass in Übereinstimmung mit einer Studie
der Prognos AG vom November 1999 der Braunkohlestrom wettbewerbsfähig bleibe (Berliner Morgenpost, 13.03.2000). Trotz der anstehenden Nachverhandlung der Veag-Privatisierungsverträge und der veränderten energiepolitischen Rahmenbedingungen wird die Weiterführung des Tagebaus Jänschwalde bei Abbaggerung von Horno nicht neu bewertet.

Einsparerfolg: Die jährlichen Heizkostenabrechnungen für die 5.642 fernwärmebeheizten Wohnungen in der Stadt Borna werden durch einen neuen Vertrag mit der Städtische Werke Borna GmbH (SWB) um bis zu 100 Mark reduziert (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 16.03.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 69). Aufgrund verbesserter Wärmedämmung kann die Leistung der einzelnen (dezentralen) Fernwärmestationen reduziert werden.

Statt Braunkohle: Nach Ansicht von Gerhard Goll, Chef der Energie Baden-Württemberg (EnBW) (Teileigentümer des Kraftwerks Lippendorf), sollen die Kernkraftwerke in dem Umfang zurückgefahren werden, in dem die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien vorankomme (Stuttgarter Zeitung, 15.03.2000). Bundeswirtschaftsminister Werner Müller nannte diesen Vorschlag allerdings “schlitzohrig”.

Baldiger Abschied?: Der britische Energieversorger PowerGen plc übernimmt die amerikanische LG&E Energy Corp. in Louisville, Kentucky (Pressemitteilung vom 28.02.2000). Die Finanzierung wird teilweise durch den Verkauf internationaler Beteiligungen bestritten. (Hierfür käme der ca. 20prozentige Anteil von PowerGen am Kraftwerk Schkopau sowie die Beteiligung zu 33 1/3 Prozent an der Mibrag in Frage.)

Dokumentation

“Gesamtbetriebsrat vom Fusionsvorschlag LAUBAG und VEAG enttäuscht”, LAUBAG Report, Februar 2000: “Der Gesamtbetriebsrat der Lausitzer Braunkohle (...) begrüßt, dass die Mehrheit der Anteilseigner der VEAG sich zum Stabilisierungsprogramm zur Sicherung der ostdeutschen Stromwirtschaft bekannt hat.(...) Alle Beteiligten sind zur Überzeugung gekommen, dass das Stabilisierungsmodell die beste Alternative zur Sicherung der ostdeutschen Braunkohlenverstromung ist.(...) Um so enttäuschender ist für den Gesamtbetriebsrat der LAUBAG die vordergründige Diskussion um eine Fusion von LAUBAG und VEAG, da nach Ermittlungen einer bedeutenden Unternehmensberatungsfirma die Synergiepotenziale aus einer Fusion als gering bewertet werden. Daraus resultierend, ist die Stabilisierung durch eine Fusion nicht zu erreichen.”

“Mit Scheer zur Sonne, zur Freiheit”, Leipziger Volkszeitung, 09.03.2000, S. 3: “Heuersdorf wird die Hauptstadt von Windrad-City. Das Dorf, vor den Braunkohle-Baggern gerettet, eingeschlossen von stummen Kolossen in ausgedienten Tagebauen. Eine Utopie, zugegeben. Ein Traum, geträumt am Dienstagabend. Im Schein von 50 Niedrigenergielampen verkündete Hermann Scheer, der Alternative Nobelpreisträger des Jahres 1999, auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung vor fast 200 Wissbegierigen im Leipziger Rathaus seine Botschaft.(...) Das Regierungspräsidium Leipzig will zumindest stärker an solchen Projekten mittun, verspricht Regierungspräsident Walter Christian Steinbach. So soll es eine ‘Zukunftskonferenz’ des Regionalforums Leipzig/Westsachsen und ein industriepolitisches Gespräch zum Thema geben.”