21. Februar 1997 Nr. 8

Investitionsbeihilfen per Stromrechnung?

In Pennsylvanien USA wird ein neues Erdgaskraftwerk (720 MW) für rund 300 Millionen Dollar durch die AES Corporation errichtet (The New York Times, 05.02.1997, S. D5). Die Baukosten von ca. 700 DM / Kilowatt betragen nur ein Viertel des Kapitalaufwandes für das Kraftwerk Lippendorf (ca. 2900 DM / kW). Jede Kilowattstunde aus dem Braunkohlekraftwerk wird damit von einer effektiven Mehrverzinsung von 2,5 Pf belastet (bei 7000 Betriebsstunden und 8 % Zinsen).

Die Stromerzeugung des US-Kraftwerkes kostet insgesamt nur das doppelte, also rund 5 Pf (3 US-Cents) pro Kilowattstunde. Industrielle Großabnehmer erhalten die günstigsten Bezugsbedingungen, damit sie keine eigenen Kraftwerke bauen. Dafür tragen die Kleinverbraucher (also der Mittelstand und der Privatsektor) überproportional zum Ertrag des Energieversorgers bei.

Im mitteldeutschen Kohlerevier muß ein hoher investiver Aufwand amortisiert werden. Die Vereinigung deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) rechnet jedoch mit Kapitalentwertungen bei den ostdeutschen Braunkohlekraftwerken, die nach politischen Vorgaben errichtet worden sind. “Unter Wettbewerbsbedingungen dürften diese Anlagen Schwierigkeiten bekommen” (Wirtschaftswelt Energie, Januar 1997, S. 14). Ein finanzieller Ausgleich könnte über den Stromtarif erfolgen, was aber die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands beeinträchtigen würde.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Erneuerbare Energien auf dem Vormarsch: Nach Meinung von Cornelius Herkströter, Präsident der Royal Dutch/Shell Gruppe, werden erneuerbare Energien etwa ab dem Jahre 2020 voll wettbewerbsfähig sein (Deutsche Shell AG, Aktuelle Wirtschaftsanalysen Heft 27, 10/1996, S. 6, 8). Nach Einschätzung des amerikanischen Energieministeriums (Department of Energy - DOE) kann bis 2050 der globale Energiebedarf sogar zu 50 % mit regenerativen Energien gedeckt werden (DOE This Month, Januar 1997, S. 5). Das USMinisterium arbeitet zur Zeit mit zwei "industriellen Forschungspartnern" auf dem Gebiet der Photovoltaik zusammen: United Solar Systems Corporation und Siemens Solar Industries. Diese Firmen haben bereits eine "erhebliche Erweiterung" ihrer Produktionsbetriebe in den USA ange kündigt.

Stellenabbau im Leipziger Südraum: Wegen zunehmender Mechanisierung in der Braunkohlesanierung werden “in diesem Jahr möglicherweise 1000 Arbeitsplätze” wegfallen, so der Bezirksleiter der IG Bergbau und Energie, Peter Obramski (Leipziger Volkszeitung, 23 .01.1997, S. 7). Der “stark automatisierte” Kraftwerksneubau Lippendorf wird 300 Mitarbeiter beschäftigen (Angabe des parlamentarischen Staatssekretärs im Bundeswirtschaftsministerium, Hans Günter) gegenüber 1000 in den Altanlagen Lippendorf und Thierbach. Die Verarbeitung von ca. 1 Million Jahrestonnen Entschwefelungsgips könnte jedoch 200 zusätzliche Arbeitsplätze bedeuten.

Ausbau der regionalen Windkraft: In Leipzig Südwest ist Ende 1996 eine Windturbine mit 600 kW Nennleistung durch die WindWerk GbR errichtet worden (Löwenmaul, Dezember 1996, S. 9). Der voraussichtliche Jahresertrag von ca. 900.000 Kilowattstunden würde dem Strombedarf von mehr als 300 Haushalten entsprechen. Der 60-Meter-Turm ist vom Leipziger Hersteller CAL gefertigt worden.

Fusion von Lippendorfer Eigentümern beabsichtigt: Über den geplanten Zusammenschluß der Badenwerk AG mit der Energie-Versorgung Schwaben AG soll eine ordentliche Haupt-versammlung am 20.08.1997 entscheiden (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.1997, S. 20 ). Die Unternehmen sind zu jeweils 25 % am Block S des Kraftwerkes Lippendorf beteiligt, der 1999 in Betrieb gehen soll. In einer außerordentlichen Aktionärsversammlung der Badenwerk AG wird am 27.02.1997 über einen Aktientausch im Vorfeld der Fusion abge stimmt.

Vaatz kritisiert Überkapazitäten: Sachsens Umweltminister Arnold Vaatz hat die Betreiber der Deponie Cröbern aufgefordert, wirtschaftlicher zu arbeiten. In einem Schreiben listet Vaatz mehrere „hausgemachte Probleme“ auf und fordert Lösungen ein. Der Zweck verband Abfall-wirtschaft Westsachsen (ZAW) müsse seine Probleme mit der zu groß geratenen Deponie Cröbern ohne die Hilfe des Freistaates Sachsen lösen. Notfalls seien auch die Müllgebühren zu erhöhen (Leipziger Volkszeitung 8./9.02.1997, S. 1, 13). Überka pazitäten bei der Stromerzeugung sind demgegenüber das Ergebnis staatlicher Energiepolitik (vgl. Schreiben des Ministerpräsidenten Prof. Kurt Biedenkopf in Heuersdorf Aktuell Nr. 1).

Kraftwerksrückbau angemahnt: Der bayrische Umweltminister Thomas Goppel fordert anstatt “nicht wettbewerbsfähiger Bergbau-Arbeitsplätze” u. a. “den Gebäudeerhalt in den Großstädten und... die Wärmedämmung. Damit könnte man erstens den Energie-verbrauch sen ken und zweitens die Schadstoffbelastung der Luft vermindern” (Leipziger Volkszeitung, 11.02.1997, S. 3). Ein Verzicht auf Stromlieferungen aus dem Kraftwerk Lippendorf Block S (an dem die Bayernwerk AG zu 50 % beteiligt ist) geht sinngemäß aus dieser Stel lungnahme hervor.

Strompreise auf hohem Niveau: Nach Feststellung des Leipziger Institutes für Energetik und Umwelt beträgt der durchschnittliche Strompreis (28,4 Pfennig) für die Haushalte in den neuen Bundesländern einen Pfennig mehr als im Westen (Leipziger Volkszeitung, 18.02.1997, S. 5). Die hiesigen Versorger hätten gegenüber Westdeutschland drei- bis viermal so viel in die Modernisierung ihrer Anlagen investiert. Die ungünstige Auslastung der Kraftwerke infolge unzureichender industrieller Abnehmer wirkt sich negativ auf die Betriebsrendite aus.

Rückblende

“Die Elektroenergieerzeugung ist jährlich um mindestens 2 % zu steigern, um eine kontinuierliche Entwicklung der Volkswirtschaft und eine Erhöhung der Elektroenergie an der Gebrauchsenergie zu erreichen” (Analyse der gegenwärtigen energiewirtschaftlichen Situation und notwendigen Entwicklung der Energetik in der DDR bis zum Jahr 2020, Standpunkt von Wissenschaftlern der Sektion Energieumwandlung der Technischen Universität Dresden, 12.12.1989, III.4.). Die Bruttostromerzeugung in den neuen Bundesländern ging aber tatsächlich von 119 Mrd. kWh im Jahr 1989 auf 74 kWh 1995 (d. h. um -38 %) zurück (Statistisches Jahrbuch der DDR ‘90, S. 24; Wirtschaft in Zahlen ‘96, S. 64). Das Handelsbilanzdefizit (der negative Außenbeitrag) der neuen Bundesländer betrug 1994 221,8 Mrd. DM (Wirtschaft in Zahlen ‘95, S. 40). Ab 1995 wird die ostdeutsche Handelsbilanz vom Bundeswirtschaftsministerium nicht mehr aufgeführt (vgl. Wirtschaft in Zahlen ‘96).