31. März 2000 Nr. 80

Angebot und Nachfrage

Aufgrund des europäischen Kraftwerksüberflusses bleiben die Strompreise auf einem niedrigen Niveau. Selbst die Verdreifachung des Welthandelspreises für Erdöl hat wenig an dieser Situation geändert. Damit erscheint der "schlagende Beweis" für die Wettbewerbsfähigkeit der Braunkohle zumindest fraglich.

Erst bei einer nachhaltigen Rohstoffverknappung könnte eine andere Situation eintreten. Die Braunkohle sollte deshalb solange unter der Erde bleiben.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Entwicklungsregion: Nach Einschätzung des SPD-Landtagsabgeordneten Karl Nolle rutscht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Region Borna auf das Niveau der ärmsten Gegenden in Südeuropa (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 22.03.2000; s. Rückblende). "Auch die Südraum Leipzig GmbH der Staatsregierung hat noch keine zufrieden stellenden Ergebnisse gebracht" (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 14, 15, 35, 65, 70). Gemeinsam mit der Stadtverwaltung und dem Arbeitsamt soll nun ein Entwicklungskonzept für den Südraum erarbeitet und ein hochrangig besetztes Forum in Borna eingesetzt werden. Kurzfristige Erfolge seien aber kaum zu erwarten. Unter der Internet-Adresse www.suedraum-konferenz.de findet ein internationaler Ideenaustausch über Kunst und Landschaft in der Region statt (Leipziger Volkszeitung, 24.03.2000). Das Projekt wird drei Jahre lang von der Kulturstiftung Sachsen finanziert. Nach Ansicht der ostdeutschen Ministerpräsidenten wird jedoch eine Angleichung der Lebensverhältnisse und der Infrastruktur in Ostdeutschland an das Niveau der westlichen Länder nicht vor dem Jahr 2030 erreicht werden können (Berliner Zeitung, 30.03.2000; s. Rückblende).

Mangelware Arbeit: Für den Vorstandssprecher der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag),Kurt Häge, ist die Braunkohle als Brennstoff "schon heute voll wettbewerbsfähig" (Lausitzer Rundschau, 22.03.2000). In fünf Jahren werde Strom aus ostdeutscher Braunkohle "praktisch unschlagbar" sein (solange die CO2-Emissionen ökonomisch nicht in Betracht gezogen werden; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 79). Man habe und wolle "keine Subventionen". Die Laubag-Belegschaftsstärke würde sich "in zwei, drei Jahren bei knapp 5000 Mitarbeitern" stabilisieren. Bei der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) müssen indes bis zu 20 Prozent der knapp 2.000 Beschäftigten abgebaut werden(Leipziger Volkszeitung, 23.03.2000). Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hat gegen die Einstellung des Neubaus der Ausbildungsstätte am Kraftwerk Lippendorf protestiert (Leipziger Volkszeitung, 29.03.2000). Der Vorsitzende des Veag-Konzernbetriebsrates, Wilfried Schreck, fordert das Festhalten am Stabilisierungsmodell. Die Berliner BEWAG will ihren Beschäftigungsstand von vormals 8.500 Stellen (Juli 1999)auf 3.700 Mitarbeiter bis Ende 2002 reduzieren (Berliner Zeitung, 28.03.2000). (Bislang war ein Abbau auf lediglich 4.500 bis 4.700 vorgesehen; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 18, 60.)

Entdeckung der Langsamkeit: Nach einer Prognose der ESSO Deutschland GmbH werden die bundesdeutschen CO2-Emissionen bis 2010 um 17 Prozent gegenüber dem Bezugsjahr 1990 abnehmen (Pressemitteilung vom 22.03.2000). Dank Effizienzsteigerungen wird der Energieverbrauch im Jahre 2020 um 6 Prozent unter dem Niveau von 1998 liegen.

Überregionale Regionalisierung: Bei einer Aufsichtsratssitzung der Mitteldeutschen Energie AG (Meag) ist die Erarbeitung einer Konzeption "für eine Kooperation bis hin zur Fusion" mit der Energie Sachsen Brandenburg AG (Envia) beschlossen worden (Leipziger Volkszeitung, 25.03.2000). Die VEW ist Mehrheitsaktionär der Meag, die RWE mehrheitlich an der Envia beteiligt. Die Stadtwerke Leipzig GmbH (SWL) gehört zu 40 Prozent der Meag.

Frisches Kapital gefragt: Trotz eines um 5 Prozent gesteigerten Stromabsatzes von 49,5 TWh (vgl. Dokumentation) hat die Veag beim vorläufigen Jahresabschluss 1999 einen Fehlbetrag von 162 Millionen DM ausgewiesen (Berliner Morgenpost, 28.03.2000). Der Umsatz ging um 8 Prozent auf 4,4 Milliarden DM zurück (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 63, 74). Nach Angabe des sächsischen Wirtschaftsministers Kajo Schommer interessieren sich vier bis fünf international tätige Unternehmen für einen Einstieg bei der Veag (Freie Presse, 29.03.2000). Bundeswirtschaftsminister Werner Müller warnte Schommer und seinen Amtskollegen Matthias Gabriel in Sachsen-Anhalt jedoch davor, "durch unbedachte Äußerungen die wirtschaftliche Situation der Veag und der ostdeutschen Braunkohle zu destabilisieren" (Der Tagesspiegel, 31.03.2000). Allein der Bund habe "über einen Verkauf der Veag zu entscheiden". Ihm sei "kein einziger Bewerber bekannt, der bereit ist, die Milliarden Anlaufverluste zu tragen und die Verstromung ostdeutscher Braunkohle zu garantieren."

Kanzlerbesuch erwartet: Nach Angabe des Kraftwerksleiters Hans-Joachim Müller wird am 22. Juni das "modernste Braunkohlenkraftwerk der Welt" in Lippendorf offiziell von Gerhard Schröder eingeweiht (Leipziger Volkszeitung, 30.03.2000). (Der Bundeskanzler ist zu diesem Anlass vom Ortschaftsrat nach Heuersdorf eingeladen worden.)

Dokumentation

"Energiebericht Sachsen 1999", S. 14: "Die Bruttostromerzeugung in den Kraftwerken Sachsens betrug 1998 18.854 GWh. Im Vergleich zum Jahr 1997 sank die Produktion aufgrund der Stilllegung veralteter Kraftwerke Ende 1997 um 10.997 GWh oder 36,8 %. Damit mussten die Energieversorgungsunternehmen erstmals 2.613 GWh Strom nach Sachsen importieren.(...) Der Anteil der Braunkohle an der Bruttostromerzeugung betrug (...) 72,0 %. Auf die anderen Energieträger entfielen im einzelnen: Erdgas 17,1 %, Wasserkraft 5,0 %, Heizöl 1,1 %, Steinkohle 0,5 % sowie Windraft und Sonstige 4,2%."

Rückblende

Kurt H. Biedenkopf, "Offene Grenzen. Offener Markt", Wiesbaden, 1990, S. 76, 90: "Vielmehr lassen sich eine Reihe guter Gründe dafür anführen, daß sich eine Arbeits- und Unternehmenskultur im Sinne marktwirtschaftlicher Ordnungen in der DDR weit schneller wird entwickeln lassen, als dies für Spanien, Portugal oder Griechenland zutrifft.(...) In Sachsen oder Thüringen liegt das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt bereits heute nicht wesentlich unter dem Pro-Kopf-BSP in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein. Die gegenwärtig bestehenden Unterschiede etwa zwischen Sachsen, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein werden somit in relativ kurzer Zeit überbrückbar sein. Die Angleichungen werden kaum länger als fünf Jahre in Anspruch nehmen."