19. Mai 2000 Nr. 83

Höhere Mathematik

Die Abbaggerung von Horno und Heuersdorf wurde stets mit der knappen Betriebskalkulation des Bergbaus begründet. Sollten die Dörfer nicht umgesiedelt werden, wäre die Braunkohlewirtschaft angeblich in ihrer Existenz bedroht (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 14).

Inzwischen wird aber nur noch Zweidrittel der geplanten Braunkohlemenge in Ostdeutschland gefördert. Jede Tonne Kohle bringt auch nur Zweidrittel des vorgesehenen Erlöses ein. Bezogen auf die ursprüngliche Gewinnkalkulation ist das nur noch ein Nullsummenspiel. Nichtsdestotrotz wird die Vernichtung der Dörfer vorangetrieben, koste es, was es wolle.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Sparen Online: Die "Kilowatthandel Leipzig GmbH" wird ab Herbst 2000 den Strombedarf von Großkunden im Internet versteigern (Dresdner Morgenpost, 03.05.2000).

Rettung im Visier: Nach dem Konzept der Stahl- und Glasbau Schädlich GmbH aus Stützengrün und des türkischen Fertighausproduzenten Deima aus Istanbul wird die in Konkurs geratene Stahl- und Maschinenbau AG (Stamag) in Regis-Breitingen ab dem 01.06.2000 mit 75 Prozent der 173 Mitarbeiter weitergeführt (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 04.05.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 74). Alle 15 Lehrlinge werden übernommen.

Braunkohlen-Blues: Die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) hat ihren Kohlepreis von über 90 auf 60 Mark pro Tonne Steinkohleneinheit (entsprechend ca. 3 Tonnen Rohbraunkohle) gesenkt (Welt am Sonntag, 07.05.2000). Als realistischer Verkaufspreis für die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) gelten derzeit rund 2 Milliarden DM (oder etwa die halbe Investitionssumme eines einzigen Braunkohlenkraftwerks wie z. B. Lippendorf). Nach Aussage des Bundeswirtschaftsministers Werner Müller produziert die Veag noch für sechs Jahre Strom, "der zu Marktpreisen wohl nicht verkäuflich wäre" (Berliner Zeitung. 10.05.2000). Doch das Unternehmen werde ab 2008 über "die wirtschaftlichste Stromerzeugung in Deutschland" verfügen. Ein Käufer werde sich finden lassen. "Die Frage ist nur, ob die Interessenten den jetzigen Eigentümern deren Kosten ersetzen werden". Im vergangenen Geschäftsjahr machte die Veag 1,87 Milliarden DM Verlust, der größtenteils aus so genannten "Drohverlustrückstellungen" stammte (Berliner Morgenpost, 17.05.2000).

Abfalltourismus: Die Veag will eine Müllverbrennungsanlage am Standort Lippendorf errichten (Leipziger Volkszeitung, 10.05.2000). Rund 240.000 Tonnen Hausmüll aus dem Raum Chemnitz, Zwickau und dem Vogtland werden ab 2005 zur Entsorgung ausgeschrieben. Die Veag nimmt 2003 mit einem Partner eine Anlage in Lauta in Betrieb.

CO2-Reduzierung durch Innovation: Die an einer Veag-Übernahme interessierte Southern Company hat einen neuartigen "Transportreaktor" zur Steinkohlenvergasung bei anschließender Nutzung in Gasturbinen oder Brennstoffzellen entwickelt (Pressemitteilung, 08.05.2000). Das Forschungsprojekt wurde zu 80 Prozent vom US-Energieministerium (Department of Energy, www.fe.doe.gov) finanziert und verspricht, bei der Stromerzeugung die spezifischen Kohlendioxidemissionen um mehr als ein Drittel zu senken. Beim Leipziger Institut für Energetik wurde ein von der Sonneneinstrahlung beeinflusster Raumtemperaturregler erfolgreich erprobt, mit dem eine Einsparung an Heizenergie um etwa 6,5 Prozent erreicht wurde (www.energetik-leipzig.de).

Vertreibung ins Paradies: Bürgermeister Reinhard Mäder vertritt die Ansicht, dass "mit dem Freistaat Sachsen, der MIBRAG, den umzugswilligen Heuersdorfern und nicht zuletzt durch unsere Unterstützung (....) eine Oase im besten Sinne des Wortes in Form von 'Neu-Heuersdorf'" in Regis-Breitingen geschaffen werden kann (Gemeinsame Zeitung, 08.05.2000). Richard Reschl, Leiter des vom sächsischen Wirtschaftsministerium beauftragten "Bürgerbüros", verweist auf einen "positiven Kontakt" zu zwei Dritteln der 109 Haushalte (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 11.05.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 44, 60, 62, 71, 82). 40 Eigentümer hätten bereits ihr Grundstück an die Mibrag verkauft. Doch andererseits verweigern 20 Haushalte per Unterlassung jeglichen Kontakt zum Büro, welches für Ortsvorsteher Horst Bruchmann der "Zerstörung des Dorfes" dient.

Gutnachbarliche Beziehungen: Seit Anfang der 90er Jahre wurden von der Mibrag 2.500.000 Bäume und Sträuche um die Tagebaue Schleenhain und Peres als Staub- und Lärmschutzmaßnahme gepflanzt (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 11.05.2000). Nach Angabe des Vorstandsvorsitzenden der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), Wolfgang Fritz, sind bereits 10 Milliarden DM für die Sanierung ehemaliger ostdeutscher Tagebaue aus öffentlichen Mitteln bereitgestellt worden (Die Welt, 12.05.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 2, 11, 23, 26). Weitere 7 Milliarden Mark werden benötigt. Bis 2003 soll die LMBV-Belegschaft auf "deutlich unter 1000 Mitarbeiter" reduziert werden.

Zitierfähiges

Klaus Hässler, CDU Brandenburg, an Mitglieder des Braunkohlenausschusses, zitiert in:Hornoer Blätter Nr. 1, S. 6: "Im Braunkohlenausschuß haben Sie kein freies Mandat und sind auch nicht Ihrem Gewissen verantwortlich sondern der geltenden CDU-Politik (...). Für Ihr Stimmverhalten sind Sie der Partei rechenschaftspflichtig weshalb ich von Ihnen auch erwarte, daß Sie für eine offene Abstimmung eintreten und Ihre Meinung nicht hinter der Anonymität einer geheimen Abstimmung verstecken."

Hans-Jürgen Ewers, Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen, Berliner Zeitung, 13.05.2000: "Eine Tonne Kohlendioxid wird (...) bei Benzin mit 640 Mark, bei Diesel mit 480 Mark und bei Heizöl mit 40 Mark besteuert. Bei Kohle sind es null Mark. Das ist dramatisch. Diese Spanne kann man nicht lange durchhalten, wenn man behauptet, man mache Klimapolitik".

In eigener Sache

Bei der Jahreshauptversammlung am 06.05.2000 wurde Bernd Günther zum neuen Vorsitzenden des "Für Heuersdorf e. V" gewählt. Er tritt in die Nachfolge von Manfred Reuter (s. Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 09.05.2000).