23. Juni 2000 Nr. 85

Einen Schritt weiter

Auf der ersten deutschen Strombörse, der Leipziger LPX, wird Elektroenergie zu Großhandelsbedingungen verkauft (Leipziger Volkszeitung, 16.06.2000). Doch billiger Strom bedeutet nicht automatisch, dass mehr Kraftwerke benötigt werden. Die bundesdeutschen CO2-Emissionsvorgaben fordern zur entgegengesetzten Entwicklung auf. Durch die Mikroelektronik und das Internet kann der Energieverbrauch erheblich verringert werden.

Das Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg GmbH (EMR) bietet bereits einen Strom- und Telefondienst zum kombinierten Festpreis an (Zeitung für kommunale Wirtschaft, Juni 2000). Es wird bald möglich sein, beim Endkunden den Energieverbrauch fern zu steuern und damit Ressourcen einzusparen.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Vernunftlösung: Ortsvorsteher Horst Bruchmann hat anlässlich der Leipziger Energiesparwoche ein Modell für die bergbauliche Umfahrung von Heuersdorf vorgestellt. Nach Aussage des Energiebeauftragten Jeffrey Michel sei der Transport von Kohle aus dem nicht ausgelasteten Tagebau Profen für die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) "am Ende billiger als die Umsiedlung" (Dresdner Morgenpost, 15.06.2000). Leipzig kaufe demnächst Strom aus Österreich, das Kraftwerk Lippendorf werde daher nicht unmittelbar für die Region gebraucht (Leipziger Volkszeitung, 15.06.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 73). Der projektleitende Architekt Peter Schmelzer verwies auf Expertenschätzungen, wonach Heuersdorf schützenswert und "kulturell unersetzbar" sei.

Ergebnis in Sicht: Nach einer Anhörung vor dem Sächsischen Verfassungsgerichtshof am 22.06. über die Klage gegen das Heuersdorf-Gesetz (Leipziger Volkszeitung, 23.06.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 4, 9, 10, 12, 13, 14, 15, 20, 27, 28, 32, 33, 34, 40, 45, 60) gab Gerichtspräsident Thomas Pfeiffer die Urteilsverkündung für den 13.07. bekannt.

Braunkohleplanung beanstandet: Das Brandenburger Landesverfassungsgericht hat einer Beschwerde der Lausitzer Ortschaft Grießen gegen eine Teilabbaggerung durch die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) stattgegeben (Lausitzer Rundschau, 17.06.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 68). Es handele sich dabei um einen schwerwiegenden Eingriff in die Selbstverwaltung. Die dem Braunkohleplan zugrunde liegende Landesverordnung sei verfassungswidrig. Für den Klage führenden Anwalt Martin Jaschinski müsse nun "die energiewirtschaftliche Notwendigkeit der Inanspruchnahme Hornos neu bewertet werden". Die Laubag lehnt eine Umsiedlung von Grießen trotz seiner gedrängten Lage an derNeiße ab (Berliner Morgenpost, 17.06.2000). Für Horno würde bereits ein Gesetz vorliegen, das von der Entscheidung zu Grießen nicht berührt werde (Berliner Morgenpost, 21.06.2000).

Förderplus: Aufgrund von Strompreissenkungen bei der Vereinigte Energiewerke AG (Veag) rechnet die Laubag mit einer Absatzsteigerung von 44,6 Millionen Tonnen Rohbraunkohle im Geschäftsjahr 1998/99 auf 52 Millionen Tonnen bis 2001 (Sächsische Zeitung, 16.06.2000). Der Tonnenpreis ist jedoch von 30 Mark im Jahre 1994 auf 18 Mark gefallen.

Umweltvorteile: Im Lausitzer Klettwitz wurde Europas größter Windpark mit 38 Windkraftanlagen von Bundesumweltminister Jürgen Trittin eröffnet (Die Welt, 19.06.2000). Die nicht bewaldete Revierlandschaft ist durch überdurchschnittliche Windhäufigkeit und -kraft gekennzeichnet. In Brandenburg wird inzwischen 4,6 Prozent des Nettostromverbrauchs durch die Windkraft gedeckt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat eine Trennung der Stromnetze von den Erzeugern zum Abbau umweltschädlicher Überkapazitäten vorgeschlagen (Pressemitteilung vom 19.06.2000). BUND-Geschäftsführer Gerhard Timm fordert das "Recht auf Leben" in Heuersdorf und Horno. Der Betrieb der Kraftwerke Lippendorf und Jänschwalde "bis auf die letzte Tonne Braunkohle" stehe aus Überkapazitäts- und Klimaschutzgründen in Frage. Für den Leipziger Regierungspräsidenten Walter Christian Steinbach sei es jedoch den Veag-Kraftwerken zu verdanken, dass "Deutschland in der internationalen Statistik der Umweltbelastung nicht völlig abrutschte" (Leipziger Volkszeitung, 21.06.2000).

Heimspiele: Auf der Weltkonferenz zur Zukunft der Städte "Urban 21" am 04. - 06. Juli in Berlin präsentiert sich die "Zukunftsregion Südraum Leipzig" mit sieben Kernprojekten: "Cospudener See/Zöbigker Winkel", "Industrielandschaft Böhlen-Lippendorf", "Campus Espenhain", "Altindustriestandort Espenhain", "Technologie- und Beratungszentrum Göselhaus Dreiskau-Muckern", "Dorferneuerung Dreiskau-Muckern" und "Nachnutzung Brikettfabrik Witznitz" (Anzeiger Borna/Geithain, 21.06.2000). Das Kraftwerk Lippendorf wurde am 22.06.2000 mit einer Rede des Bundeskanzlers Gerhard Schröder eingeweiht (Berliner Morgenpost, 23.06.2000). Dessen Äußerungen zufolge müssten die zukünftigen Veag-Eigentümer weiterhin Strom aus Braunkohle erzeugen und frühere Zusagen über Arbeitsplätze einhalten (vgl. Dokumentation). Das angekündigte Interesse einiger ostdeutscher Stadtwerke (einschließlich der Stadtwerke Leipzig GmbH) an den Veag-Anteilen bezeichnete Veag-Vorstandsvorsitzender Jürgen Stotz als "Geklimper". Der Hamburger Stromkonzern HEW hat zusammen mit seinem schwedischen Großaktionär Vattenhall Gespräche mit dem US-Konzern NRG Energy aufgenommen, der die Mibrag in das Veag-Übernahmekonzept einbeziehen will (Frankfurter Neue Presse, 23.06.2000).

Dokumentation

Die MIBRAG im Jahr 1999, Spektrum, 1/2000, S. 4: "Produktion und Leistung. Rohbraunkohle: 13,3 Millionen Tonnen. Damit gelang gegenüber der Vorjahresförderung eine geringfügige Steigerung, begründet in der Aufnahme des Probebetriebes von Block I im Neubauwerk Lippendorf. Die Lieferungen Richtung Schkopau und Chemnitz blieben jedoch unter den Erwartungen. Brikettabsatz: Mit 100.800 Tonnen wurde die Hundertausender-Marke erfreulicherweise doch knapp überboten. (...) (Zum Vergleich: 1998 lag der Absatz noch bei fast 157.000 Tonnen.) Brennstaub: Abgesetzt wurden 175.000 Tonnen. Das ist (...) ein Rückgang zu 1998 um 42.000 t. (...) Umsatz: Er betrug im Geschäftsjahr 496,8 Mio. DM. Wiederum überdurchschnittliche Investitionen: Im vorigen Jahr wurden über 176 Millionen DM investiert. (...) Damit hat die MIBRAG seit der Privatisierung 1994 insgesamt 1,129 Milliarden DM für Investitionen ausgegeben. (...) Dennoch bleibt bei Materialkosten von rund 166 Mio. DM die nachhaltige Kostensenkung eine zentrale und ständige Aufgabe aller Mitarbeiter. Die Personalaufwendungen betrugen fast 196 Mio. DM."