21. November 2000 Nr. 93

Objektivität gefragt

Der Gemeinderat Heuersdorf kann seinen Bürgerauftrag nur mit Sachargumenten erfüllen. Deswegen wurde der Betriebsratsvorsitzende der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag), Mario Gierl, um Arbeitsplatzangaben in den beiden regionalen Tagebauen bei einem Verbleib von Heuersdorf im Vergleich zur Umsiedlung gebeten. Der Gemeinderat geht davon aus, dass eine Fremdbekohlung aus dem unzureichend ausgelasteten Tagebau Profen mindestens so viel Arbeitsplätze sichern würde, wie in Schleenhain aufgrund einer Umfahrung des Dorfes verloren gingen.

Herr Gierl hat zwar in seinem Antwortschreiben vom 16.10.2000 jedwede Arbeitsplatzangaben abgelehnt. Doch im Internet unter www.mibrag.de wird die schwindende Bedeutung der Braunkohlenwirtschaft für den Arbeitsmarkt verdeutlicht. Waren früher 635 Bergleute in Profen tätig, sind es heute nur noch 410. Im Tagebau Schleenhain sind auch weniger als die früher genannten 414 Mitarbeiter beschäftigt (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 26, 29, Rückblende).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Realitätsgewinn: Die energiepolitischen Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus und des Landesverbandes Brandenburg, Hartwig Berger und Winfried Böhmer, haben die vorzeitige Aufhebung der ostdeutschen Braunkohleschutzklausel gefordert (Pressemitteilung vom 08.11.2000). Sie sei "wirtschafts- und verbraucherfeindlich, weil es Kleinbetrieben und Haushalten höhere Strompreise aufzwinge". Eine hohe Braunkohleverstromung mit ihrer "besonders ungünstigen CO2-Bilanz" werde geschützt. Die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) solle "zu marktgerechtem Handeln gezwungen" werden. Das würde dazu führen, "dass der Kohlebedarf für das Kraftwerk Jänschwalde abnimmt" und das sorbische Dorf Horno "vor dem Abbaggern gerettet wird".

London im Südraum: Gutachten des Umweltbundesamtes sowie des Sächsischen Landesamtes für Umwelt und Geologie haben ergeben, dass die Rauch- und Dampfschwaden aus den zwei 195 Meter hohen Kühltürmen des Kraftwerks Lippendorf die jährliche Sonnenscheindauer (1500 Stunden) im Böhlener Stadtteil Gaulis um lediglich 30 Stunden verkürzen (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 09. & 10.11.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 79, 84). Damit werde der Norm der Abwärmekommission des Umweltbundesamtes entsprochen. Der Sprecher der Bürgerkontaktgruppe, Lothar Kapitza, widerspricht diesem Ergebnis. Bereits nach vier Monaten sie die Sonne insgesamt 40 Stunden verdeckt gewesen. "Diese Situation dürfte sich im Winterhalbjahr durch die hohe Luftfeuchtigkeit noch verschlimmern". Man verlange nun die von der Veag bereits versprochenen Messungen.

Kulturboden: Die grüne Bundestagsabgeordnete aus Brandenburg, Sylvia Voß, hat Erde aus Horno für das Kunstprojekt "Der Bevölkerung" von Hans Haacke im Berliner Reichstag mitgenommen (Lausitzer Rundschau, 10.11.2000, 11.11.2000). (Erde aus Heuersdorf gehört ebenfalls dazu; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 92.) Die letzte Vorsitzende des Umweltausschusses im Landtag Brandenburg, Elke Seidel (SPD), hat sich zur Solidarität mit dem Dorf bekannt: "Die dramatische Veränderung der Rahmenbedingungen wie die Liberalisierung auf dem Strommarkt und das Vorranggesetz für die Nutzung erneuerbarer Energien machen die Absicht, Horno abzubaggern, vollends sinnlos".

Standortsicherung: Der französischer Baustoff-Konzern Lafarge investiert in Lippendorf 90 Millionen DM für eine neue Gipsplattenfabrik, die ab Mai 2001 Kunden in Deutschland, Tschechien, Polen und Österreich beliefern wird (Leipziger Volkszeitung, 11.11.2000). (Damit soll die Hälfte der im Kraftwerk Lippendorf entstehenden 900.000 Tonnen Rauchgasentschwefelungsgips pro Jahr verarbeitet werden; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 86). 90 Arbeitsplätze werden durch das Vorhaben geschaffen. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Südraum Leipzig GmbH, Sachsens Innenminister Klaus Hardraht, will den Leipziger Südraum zu einem "erstklassigen touristischen Gebiet" mit einem Netz von Kanälen entwickeln (Leipziger Volkszeitung, 16.11.2000). Es solle eine "vorsichtige Erweiterung" der Industrie geben. Man bemühe sich auch um den Aufbau von Forschungseinrichtungen wie im "Campus Espenhain". In dem für einen zweistelligen Millionenbetrag zu realisierenden Pilotprojekt "Südraum ans Netz" werden Schulen, Behörden, Haushalte und Unternehmen über schnelle Datenleitungen miteinander verbunden (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 84). Der Gemeinderat Espenhain hat eine von der Deponie-Wirtschaft Umweltschutztechnik GmbH (DWU) beantragte Vergasungsanlage für die thermische Verwertung von Brennstoffen aus Abfällen auf dem angrenzenden Gebiet der Stadt Borna abgelehnt (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 17.11.2000). Bürgermeister Jürgen Frisch erklärte, man sei an der "siedlungsfreundlichen Revitalisierung eines großen Industriegebietes" interessiert.

Übermaß an Gutem: Der Leiter des RWE-Konzerns, Dietmar Kuhnt, hat die von der Bundesregierung geplante Verdopplung des Anteils der Kraft-Wärme-Kopplung an der Stromerzeugung kritisiert (Stromthemen, 11/2000). Damit werde eine zusätzliche Stromerzeugungskapazität von 15.000 MW (ca. achtmal Lippendorf) in den Markt drücken.

Siegesmüde?: Nach Aussage des Vereinsvorsitzenden von "Für Heuersdorf e. V.", Bernd Günther, sind bislang bei der (in der Öffentlichkeit allerdings kaum bekannten) Aktion "Zwei Mark für Heuersdorf" lediglich 100 DM eingegangen (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 21.11.2000). Die Einnahmen sollen für den Erhalt der Bausubstanz und die Verbesserung der örtlichen Infrastruktur eingesetzt werden.

Rückblende

"Energieprogramm Sachsen", Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit, Dresden, 1993, S. 132: "Die MIBRAG geht von einem Personalabbau von 21.450 Mitarbeitern im Jahr 1990 auf 4.144 Mitarbeiter im Jahr 2000 allein im Freistaat Sachsen aus."

"Menschen mit Energie", enivia Energie Sachsen Brandenburg AG, Geschäftsbericht zum 30. Juni 2000, S. 26: "Unser Strombezug basiert zu 87,2 % auf dem Primärenergieträger Braunkohle. Mit unserem überdurchschnittlichen Engagement zur Braunkohleverstromung tragen wir zur wirtschaftlichen Entwicklung und damit zum Erhalt von Arbeitsplätzen in der Region bei."