04. Dezember 2000 Nr. 94

Klimabremse

Eine Windkraftanlage kann ein vertrautes Landschaftsbild stören, während man regungslos an einer Autobahn oder Mülldeponie vorbeigeht. Karlheinz Becker, Vorsitzender vom Regionalverband Sachsen des Bundesverbandes Windenergie, will deshalb dass die Kinder "mit der neuen Technik aufwachsen, um für eine bessere Akzeptanz zu sorgen" (Leipziger Volkszeitung, 20.11.2000). Wenn schon Umweltveränderung, dann bitte schadstofffrei.

Sachsens Umweltminister Steffen Flath plädiert angesichts des globalen Klimawandels für den sparsamen Einsatz von Energie. Der Anteil aus erneuerbaren Energieträgern soll auch wesentlich erhöht werden. Dazu müßte aber gleichzeitig der Beitrag fossiler Brennstoffe reduziert werden. Der Freistaat Sachsen verfügt über viel heimische Braunkohle. Durch deren reduzierten Verbrauch könnte man der Weltgemeinschaft zeigen, wie man den Klimaschutz vor kurzzeitiges Wirtschaftsdenken setzt (s. Zitierfähiges).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Warme Aussichten: Aus einer vom Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft vorgelegten Klimastudie geht hervor, dass eine Zunahme der mittleren Jahrestemperatur von etwa 3 Grad Celsius bis zum Jahr 2050 für den Raum Dresden erwartet wird (Pressemitteilung vom 23.11.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 4, 12, 23, 29, 33, 41, 44, 53, 82, 87, 91, 92). Ein Rückgang der jährlichen Niederschlagssummen um etwa 13 Prozent wird prognostiziert. Staatsminister Steffen Flath bezeichnete den Klimaschutz als Menschheitsaufgabe. Dieser Verpflichtung werde sich Sachsen stellen. Die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) reklamiert für sich ein Viertel der seit 1990 bundesweit erreichten 15-prozentigen Minderung des Kohlendioxydausstoßes aufgrund eines um 12 bis 14 Prozent erhöhten Wirkungsgrads ihrer Kraftwerke (Lausitzer Rundschau, 30.11.2000). Das Unternehmen hat in den ersten neun Monaten des Jahres 2000 ihren Stromabsatz um 14 Prozent auf 40,9 Milliarden Kilowattstunden gesteigert (und damit entsprechend mehr Treibhausgase emittiert) (Pressemitteilung vom 08.11.2000). Die Umsatzerlöse gingen im gleichen Zeitraum um 24 Prozent auf 2,5 Milliarden DM zurück.

Einspartechnik gefragt: Nach Berechnung der in Münster ansässigen Energieagentur "Internationales Wirtschaftsforum Regenerative Energien" (IWR) könnte der durch die Internet-Nutzung verursachte Stromverbrauch in Deutschland auf jährlich mehr als 15 Milliarden Kilowattstunden ansteigen, wenn infolge der Pauschalgebühr (Flatrate) geschätzte 18 Millionen Computer selten oder gar nicht mehr abgeschaltet werden (Pressemitteilung vom 24.11.2000).

Sonderangebot: Nach Information des Handelsblatts soll die Veag zusammen mit der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) für insgesamt 2 - 3 Milliarden DM verkauft werden (d. h., ungefähr zum Preis eines einzigen Kraftwerkblocks in Lippendorf) (Dow-Jones Newswires, 27.11.2000; s. Dokumentation, Heuersdorf Aktuell Nr. 89, 92). Der 63,4prozentige Anteil der RWE AG an der Energie Sachsen Brandenburg AG (Envia) werde für knapp 2,4 Milliarden Mark angeboten.

Abbau angefochten: Die Gemeinde Heuersdorf hat beim Oberverwaltungsgericht in Bautzen einen Antrag auf Normenkontrolle gegen den Braunkohlenplan für die Region Westsachsen gestellt (Pressemitteilung vom 01.12.2000). Der bereits 1995 als Satzung festgestellte Plan wurde erst im September 1998 vom Landesumweltministerium genehmigt, da zuvor der Sächsische Landtag im März 1998 das "Heuersdorf-Gesetz" verabschieden mußte. Nachdem dieses Gesetz am 14.07.2000 für nichtig erklärt wurde (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 86), fehlt dem Braunkohlenplan eine entscheidende Genehmigungsvoraussetzung.

Zitierfähiges

Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen: "Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unseren menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns."

Karl-Franz Busch et. al., Ingenieurökologie, VEB Gustav Fischer Verlag Jena, 1989, S. 449: "Die Bewältigung der Zukunft bedarf der wissenschaftlichen Voraussicht und der Zivilcourage des eigenen Handelns. Die Zukunft beginnt täglich neu. (...) Wer ohne Kenntnis der Zukunft in unserer Umwelt lebt, wer nicht die gesellschaftlichen Gesetze seines eigenen Tuns und deren wesentliche Nah- und Fernwirkungen kennt, lebt blind, spontan für sich und gegenüber anderen. Die moralische Bewertung dieses blinden Handelns nahm bereits Th. Hobbes (1599 - 1679) (...) vor. Er unterschied das 'wirklich gute' vom 'scheinbar guten' Handeln. Scheinbar gut ist jenes Handeln, das auf vordergründigen Nutzen aus ist und die möglichen Folgen das Übel implizieren (De homine, 1658). Mögliche Langzeitwirkungen sind oft schwer überschaubar, doch entbinden uns kognitive Schwierigkeiten nicht von der Pflicht, die Zukunft so genau wie möglich gedanklich vorwegzunehmen, um unser gegenwärtiges Entscheiden und Handeln aus zukünftiger Sicht zu optimieren."

Dokumentation

Schreiben des Brandenburger Innenministers Jörg Schönbohm an den Ortsbeitrat Horno vom 15.11.2000: "Ich bin der festen Überzeugung, dass die Braunkohlenindustrie nach wie vor für die Lausitz eine große energie- und wirtschaftspolitische Bedeutung besitzt; ich erinnere nur an die Vielzahl von Arbeitsplätzen, die an diesem Industriezweig hängen. (...) Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Betrieb des mit mehr als drei Milliarden DM erneuerten Kraftwerkes Jänschwalde ist, dass die Kohlebelieferung aus dem unmittelbar in der Nähe gelegenen Tagebau Jänschwalde erfolgt. Durch die bei einer Umfahrung der Ortslage Horno entstehenden Mehraufwendungen würde der Kohlepreis derart belastet, dass die Stromerzeugung im Kraftwerk Jänschwalde nicht mehr konkurrenzfähig wäre. (...) Aus der anstehenden Veräußerung der E.ON- und RWE-Anteile erhofft sich die Landesregierung die Entstehung eines leistungsfähigen ostdeutschen Energieunternehmens (...). Daraus werden sich sehr wohl positive Effekte für die brandenburgische Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und das Wohl des gesamten Landes ergeben. Kürzlich hat der Landtag in einer aktuellen Stunde die Energie- und Braunkohlenpolitik des Landes bestätigt. Er will dafür sorgen, dass schnellstmöglich wieder Rechtssicherheit für die Braunkohleplanung geschaffen wird."