14. Dezember 2000 Nr. 95

Künstlerpech

Für die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) dürfte der Besuch von Gerhard Schröder vergangenen August beim Bergarbeiter-Lager vor Horno als Freibrief für die Abbaggerung des Dorfes gegolten haben (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 90). Der Bundeskanzler schenkte Horno genauso wenig Beachtung, wie er im Juni Heuersdorf erwiesen hatte (trotz schriftlicher Einladung unseres Vereins).

Ein übermenschlich dimensioniertes Braunkohlekraftwerk möge unter Bossen und Genossen wie ein Sinnbild für die deutsche Leitkultur erscheinen. Doch nun haben sich 50 renommierte Künstler, Schriftsteller und Publizisten in einer gemeinsamen Erklärung für die Rettung von Horno ausgesprochen. Zu den Unterzeichnern gehören: Christa Wolf, Volker Braun, Günter Grass, Stefan Heym, Eva Strittmatter, Günter Gaus, Klaus Staeck, Franz Alt, Christoph Hein, Jurij Brezan, Jurij Koch, Barbara Thalheim und Daniela Dahn (Lausitzer Rundschau, 06.12.2000; s. Dokumentation, Rückblende).

Durch eine Umfahrung des Dorfes könnten Landespolitiker und Laubag-Vorstand “in letzter Minute menschliche Größe und zeitgemäße Verantwortung gegenüber der Umwelt beweisen”. Doch in der Lausitz ist eine Steigerung der jährlichen Braunkohlefördermenge von heute 50 auf bis zu 60 Millionen Tonnen geplant (Berliner Morgenpost, 06.12.2000). Die Laubag möchte offenbar die “letzte Minute” des deutschen Klimaschutzes schnellstens hinter sich bringen.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Kreislaufprozesse: In einer für 600 Millionen DM errichteten Anlage in Schwarze Pumpe kann aus Tiermehl und Tierfetten chemisch verwertbares Methanol zu Kosten von etwa 100 DM pro Tonne hergestellt werden (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 06.12.2000). Die Synthese vollzieht sich in einem geschlossenen System. Die Stadträte von Böhlen haben eine Müllverbrennungsanlage am Standort Lippendorf abgelehnt, bevor dazu ein Antrag gestellt worden ist. Die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) hat sich bereits aus dem Vorhaben zurückgezogen. Sollte die Anlage letztlich doch zur Erfüllung der Technischen Anleitung Siedlungsabfall (Tasi) errichtet werden, ließen sich die derzeitigen 300 Millionen Mark Schulden der Deponie Cröbern allenfalls auf 90 Millionen DM durch die Einrichtung einer mechanisch-biologischen Behandlung reduzieren.

Hartnäckig: Die Laubag hat angesichts steigender Braunkohlefördermengen nunmehr Verhandlungen zu einem Umsiedlungsvertrag mit den Einwohnern von Horno gestartet, die ihrerseits eine Doppelstrategie verfolgen (Leipziger Volkszeitung, 06.12.2000).

König Kohle: Nach eigener Angabe hat die Laubag auf dem deutschen Energiemarkt die Preisführerschaft (Berliner Morgenpost, 06.12.2000). Lausitzer Braunkohle sei derzeit 30 Prozent billiger als Importsteinkohle. Bis Ende 2001 sollen 55 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr gefördert werden. Die Errichtung eines weiteren Kraftwerkblocks in Boxberg würde eine Erhöhung auf 60 Millionen Tonnen ermöglichen. Bis 44,2 Millionen Tonnen müsse laut Privatisierungsvertrag ein Förderzins von 1 Mark und für weitere Mengen 5 Mark pro Tonne an das bundesdeutsche Finanzministerium entrichtet werden, was vom Vorstandssprecher Kurt Häge als ungerecht bezeichnet wird.

Eigentümerwechsel perfekt: Die Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW) und damit auch ihr künftiger schwedischer Mehrheitseigner Vattenfall übernehmen die Veag und Laubag für einen Kaufpreis von insgesamt 2,9 Milliarden DM (dpa, Financial Times Deutschland, 13.12.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 84, 88, 89, 92, 94). Die Envia bleibt im Eigentum von RWE.

Dokumentation

“Künstler für Horno!”: “Das Dorf Horno im sorbischen Siedlungsgebiet der Niederlausitz soll nach Plänen der Brandenburgischen Landesregierung und des Braunkohleunternehmens Laubag bis Ende 2002 umgesiedelt und überbaggert werden. Der zähe, mehr als fünfzehnjährige Widerstand der Dorfgemeinschaft und das starre Festhalten an hergebrachten Energiekonzepten haben zu einer Konfliktlage geführt, in der Menschengruppen gegeneinander aufgebracht werden. Nötig ist ein Kompromiss, der zum Ausgleich der Interessen führt. Die unter Denkmalschutz stehende Siedlung sollte von den Tagebaugeräten umfahren werden. Damit könnten sowohl Arbeitsplätze als auch Horno erha1ten bleiben. Die Politik des Landes sowie der Vorstand der Laubag würden mit einer solchen Entscheidung in letzter Minute menschliche Größe und zeitgemäße Verantwortlichkeit gegenüber der Umwelt beweisen.”
(Zugestimmt haben: Volker Braun, Christa und Gerhard Wolf, Günter Grass, Christoph Hein, Jurij Koch, Franz Alt, Günter Gaus, Jurij Brezan, Klaus Staeck, Günther Drommer, Heinz Kahlau, Walter Kaufmann, Hannelore und Reimar Gilsenbach, Stefan Heym, Eva Strittmatter, Grit Poppe, Daniela Dahn, Joochen Laabs, Thomas Kläber, Hellmuth Henneberg, Benedikt Dyrlich, Lia Pieskawetz, Richard Pietrass, Brigitte Burmeister, Mathias Körner, Jutta Schlott, Horst Rehberg, Wolf Spillner, Jürgen Leskien, Kristian Pech, Wolfgang David, Hans Müncheberg, Dieter Mucke, Reinhild Oelmüller, Gisela Kraft, Michael Gromm, Beate Morgenstern, Horst Mathies, Britta Mathies, Kurt Biesalski, Gisela Karau, Arnold Leifert, Monika Ehrhard-Lakomy, Reinhard Lakomy, Barbara Thalheim, Michael Vogt, Siegbert Kluwe, Paul Dörfler).

Rückblende

Christa Wolf, Störfall: “An welchem Kreuzweg ist womöglich die Evolution bei uns Menschen fehlgelaufen, daß wir Lustbefriedigung an Zerstörungsdrang gekoppelt haben.”

Jurij Koch, Rede vor dem X. Schriftstellerkongress der DDR, 1987: “(...) wider die anerzogene eigene Fortschrittsgläubigkeit frage ich nach dem Verhältnis von Gewinn und Verlust. (...) Mit jeder Kalorie Wärme, die wir der Erde entnehmen, um sie bedenkenlos zu verschwenden, wird es kälter um uns. (...) Kein Sparer wird belohnt, kein Verschwender bestraft. Die sündhafte Großzügigkeit fördert die Vorstellung von gewaltigen, wenn nicht unerschöpflichen Ressourcen. Sie ist Teil unserer noch nicht überwundenen Vorstellung, daß die Natur uns untertan ist, daß sie wehrlos stillhalten wird während der maßlosen Selbstbedienung. Wir berauschen uns an unseren gigantischen Maschinen, die sich energisch an die fossilen Energieträger machen, und verdrängen die unangenehmen leisen Ängste mit dem gewohnten gewöhnlichen Optimismus, daß (...) der Schaden ausbleiben muß. Nein, er bleibt nicht aus. An Stelle der gefährlichen Gläubigkeit muß energisches Handeln treten.”