02. Februar 2001 Nr. 98

Wandervolk

Die Einwohnerzahl von Heuersdorf ist vor allem wegen der Abwerbung von Familien durch die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) von 347 im Jahre 1990 auf derzeit 207 gefallen. Doch die Bevölkerungsentwicklung im Leipziger Südraum ist ebenfalls rückläufig. Wohnten z. B. 1990 noch 24.127 Menschen in der Stadt Borna, waren dort Ende 2000 nur noch 19.824 Einwohner registriert (vgl. Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 19.01.2001).

Viele junge Menschen übersiedeln in den Westen, was an die DDR der 50er Jahre erinnert. Heute ist aber nicht die Nachkriegspolitik der Alliierten dafür verantwortlich, sondern der anhaltende Mangel an regionaler Wirtschaftskraft.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Tal durchschritten: Bedingt durch das Kraftwerk Lippendorf erhöhte sich im Jahre 2000 die Braunkohlefördermenge bei der Mibrag um 19,5 Prozent von 13,3 auf 15,9 Millionen Tonnen (www.mibrag.de, 18.01.2001). (Noch im Jahre 1997 wurde eine Jahresförderung von 20 Millionen Tonnen prognostiziert; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 13, 81.) Ende 2000 beschäftige das Unternehmen 1.879 Mitarbeiter, darunter 111 Auszubildende. Bei der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) werden in diesem Jahre durchschnittlich 6.256 Arbeitnehmer in der Lausitz und 2.112 in Mitteldeutschland beschäftigt sein (Leipziger Volkszeitung, 22.01.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 14, 16, 26, 49, 55, 83). Gut zwei Drittel der Sanierungsaufgaben konnten inzwischen bei einem Aufwand von 11 Milliarden DM abgeschlossen werden.

Für mehr Intoleranz: Zum Festakt aus Anlass des 300. Jahrestages der Krönung des ersten preußischen Königs drängte die Polizei auf Anordnung der Veranstalter (Berlin und Brandenburg) angereiste Bürger von Horno weg, um die Verteilung von Flugblättern an die Besucher zu verhindern (Berliner Zeitung, 19.01.2001; www.horno.de). Die Evangelische Kirchengemeinde Heilig Kreuz - Passion in Berlin wird die am 14.08.2000 in Horno begonnenen Mahnandachten für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung nun in der Kreuzberger Passionskirche fortsetzen (Pressemitteilung vom 19.01.2001).

Erwärmendes: Wissenschaftler des zwischenstaatlichen Gremiums für Klimaveränderung (IPCC) erwarten eine schnellere und "potenziell katastrophale globale Erwärmung" von 1,4 bis 5,6 Grad in diesem Jahrhundert (www.tagesschau.de, 22.01.2001; s. Rückblende). Nach Ansicht des Heuersdorfer Energiebeauftragten Jeffrey H. Michel stellt in diesem Zusammenhang die Teilnahme von Professor Christian Schönwiese vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Frankfurt/Main an der 3. Klimakonferenz der Jugend in Heuersdorf (15. - 19.03.2001; www.klimakonferenz.de) "eine große Ehre für die Region" dar (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 31.01.2001).

Chor der Kohlebefürworter: Der Leipziger Regierungspräsident Walter Christian Steinbach hat gegenüber der Leipziger Volkszeitung (Ausgabe Borna, 24.01.2001) versichert, dass die Mibrag "Schwierigkeiten" bekommen würde, wenn die Heuersdorfer Braunkohle nicht zur Verfügung gestellt wird. Er glaube, "dass den Heuersdorfern die falschen Hoffnungen gemacht werden". (Die Sächsische Staatsregierung verschweigt in einer jüngst veröffentlichten Broschüre die am 14.07.2000 erfolgte Aufhebung des Heuersdorfgesetzes; s. Dokumentation.) Der Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IGBCE), Uwe Bruchmüller, meinte ebenfalls: "'Die Heuersdorfer haben den falschen Weg eingeschlagen.' (Bürgermeister) Bruchmann nähre falsche Hoffnungen. Die Abbaggerung des Ortes sei notwendig und werde kommen." Die Stadtwerke Leipzig GmbH (SWL) und die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) haben einen Stromliefervertrag über rund 680 Millionen Kilowattstunden abgeschlossen (Leipziger Volkszeitung, 25.01.2001, www.swl.de). Die Liefervereinbarung gilt von 2001 bis 2003. Dadurch haben die Stadtwerke nach eigener Angabe "die regionale Verantwortung für die Braunkohleverstromung übernommen und endlich den schon immer gewünschten Direktbezug von der VEAG erreicht". (Zur Erzeugung der vereinbarten Strommenge werden lediglich ca. eine halbe Million Tonnen Braunkohle benötigt.) IGBCE-Vorsitzender Hubertus Schmoldt fordert eine Angliederung der Mibrag an die Veag sowie einen Stromabsatz von 50 Terawattstunden pro Jahr (Sächsische Zeitung, 29.01.2001). "Wird die Größenordnung nicht erreicht, wird es mit uns erheblichen Ärger geben", erklärte Schmoldt.

Abgang eines Bergmanns: Der Aufsichtsratsvorsitzende der Mibrag, Klaus Schucht, ist während eines Urlaubsaufenthalts in der Schweiz gestorben (www.mibrag.de,19.01.2001). Im Zusammenhang mit der Leuna-Affäre hat der frühere Treuhandmanager verfügt, dass seine Aufzeichnungen erst zehn Jahren nach seinem Tode veröffentlicht werden können (Leipziger Volkszeitung, 19.01.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 54, 58, 71, 87).

Schattendasein: Einwohner des Böhlener Ortsteils Gaulis beanstanden weiterhin die Beeinträchtigung der Sonneneinstrahlung durch Dampfschwaden aus den Kühltürmen des Kraftwerks Lippendorf (Bornaer & Geithainer Rundschau, 25.01.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 79, 84, 93). Das Leipziger Regierungspräsidium hat umfangreiche Untersuchungen darüber durchgeführt, wenngleich keine Ansprüche gegen den Kraftwerksbetreiber (Veag) gemacht werden können, weil künstliche Wolkenschatten keine Immission seien.

Rückblende

"Umweltschützer gegen Kraftwerk Lippendorf", Leipziger Volkszeitung, 22.08.1996: "Eine radikale Umkehr in der ostdeutschen Energiepolitik forderte gestern der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). (...) Statt auf zukunftsfähige Energien zu setzen, würden Milliarden in eine Dinosaurier-Technik investiert (...) Für das Braunkohlekraftwerk Lippendorf bei Leipzig verlangte der BUND einen Baustopp, weil es nicht gebraucht werde. Lippendorf würde pro Jahr rund zehn Millionen Tonnen Kohlendioxid ausstoßen."

Dokumentation

Braunkohlenplanung im Freistaat Sachsen, Sächsisches Staatsministerium des Innern, Redaktionsschluss August 2000: "Nach weiteren Konsensbemühungen der Staatsregierung zur Umsiedlung von Heuersdorf sowie dem Inkrafttreten des Heuersdorfgesetzes vom 28.04.1998 mit Regelung der Eingemeindung nach Regis-Breitingen genehmigte die oberste Raumordnungs- und Landesplanungsbehörde den (Braunkohlen-)Plan am 08.09.1998 (...)."