Braunkohlekraftwerk Lippendorf bei Leipzig

Stand: Juni 2009

Das Braunkohlekraftwerk Lippendorf mit 2 x 933 Megawatt Bruttonennleistung verfügt über die modernste Großfeuerungstechnik in den neuen Bundesländern. Jedem Kraftwerksblock ist eine einzige Elektroturbine zugeordnet, die somit zu den größten der Welt zählt. Die Investitionskosten des Kraftwerks (ohne Tagebaubetrieb) werden verschiedentlich mit 4,5 bis 5 Milliarden DM (2,3 bis 2,6 Milliarden Euro) angegeben. Eigentümer sind die Vattenfall Europe Generation AG & Co. KG (vormals Veag) (Block R) sowie die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) (Block S). Das Kraftwerk wurde am 22.06.2000 mit einer Rede des Deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder eingeweiht. Vattenfall ist Betrieber des Kraftwerks.

Nach Abzug des internen Stromverbrauchs (vor allem zur Abgasreinigung, da die mitteldeutsche Braunkohle vergleichsweise schwefelhaltig ist) beträgt die Nettoleistung des Kraftwerks Lippendorf 2 x 865 Megawatt. Beim Grundlastbetrieb um mindestens 7.500 Stunden pro Jahr werden ca. 13 Terawattstunden (2003: 14,6 Terawattstunden) Elektroenergie ins öffentliche Netz eingespeist. Der elektrische Wirkungsgrad - das Verhältnis zwischen der Verbrennungswärme der Braunkohle und der daraus gewonnenen Elektroenergie - beträgt dabei nach Angabe des Betreibers Vattenfall 42,5 Prozent. Durch die zusätzliche Auskopplung von Abwärme zu Heizzwecken wird ein Brennstoffnutzungsgrad von insgesamt 46 Prozent erzielt. Die entsprechende Fernwärmeleistung von maximal 310 Megawatt wird der Stadt Leipzig sowie einigen Umlandkommunen bereitgestellt. Doch nur ein geringer Teil der Kraftwerksabwärme wird genutzt, wie ein Vergleich zum Brennstoffnutzungsgrad von 55 Prozent im weitestgehend baugleichen Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe verdeutlicht. Die 15 Kilometer lange Fernwärmeleitung (200 Megawatt) zwischen Lippendorf und Leipzig ist im übrigen mit 130 Millionen Mark (66 Millionen Euro) gut zweimal so teuer, wie die Wärmetrassen an anderen Kraftwerksstandorten.

Die für das Kraftwerk benötigte Braunkohlenmenge von durchschnittlich 10 Millionen Tonnen pro Jahr (2003: 11,7 Millionen Tonnen) wird aus dem Tagebau “Vereinigtes Schleenhain” der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) geliefert. Die vorgesehene Betriebsdauer von 40 Jahre entspricht der technischen Lebenserwartung des Kraftwerks.

Die Ortschaft Heuersdorf liegt am Rande des Tagebaus. Aus verschiedenen Gutachten sowie aus Eigenberechnungen geht hervor, dass bei einer engen bergbaulichen Umfahrung der besiedelten Ortsteile gemäß dem neuen Heuersdorf-Vertrag der Braunkohlenverlust nur noch etwa 20 Millionen Tonnen betragen würde. Diese Menge liegt innerhalb des Toleranzbereichs des Kraftwerksbetriebs, da der ausgewiesene Gesamtvorrat des Tagebaus 434 Millionen Tonnen beträgt. Aufgrund der unzureichenden Wärmeauskopplung entspricht der Energiemehrverlust des Kraftwerks in etwa der Braunkohlenmenge unter der Ortslage. Somit würde im Falle einer Abbaggerung die Energie aus der Heuersdorfer Braunkohle lediglich wieder aus den Kühltürmen des Kraftwerks treten. Die Heuersdorfer Kohle soll einen überdurchschnittlich hohen Brennwert und nur moderaten Schwefelgehalt aufweisen. Diese Annahmen sowie die Flözmächtigkeit unterhalb der Ortschaft wurden aber seit der Privatisierung der Mibrag 1993/94 nicht mehr durch Probebohrungen bestätigt. In früheren Jahren galt die Rohbraunkohle aus Heuersdorf bei der Brikettierung im Nachbarort Deutzen als minderwertig, was aber für seine Eignung als Kesselkohle sprechen könnte.

Die fragwürdige Grundlage für das Kraftwerksprojekt Lippendorf insgesamt wird durch folgende Umstände verdeutlicht.

1. Grundlegende Bedenken zur Wirtschaftlichkeit der Braunkohleverstromung: Die Veag stufte 1994 in einem Schreiben an das sächsische Wirtschaftsministerium das mitteldeutsche Braunkohlerevier als “nicht zukunftsweisend” ein. Das Kraftwerk Lippendorf wurde jedoch aus folgenden Gründen errichtet:
* Auslastung der Mibrag und damit
* Sicherung von möglichst vielen Arbeitsplätzen im Mitteldeutschen Raum.

2. Falschinformationen bei Entscheidung für das Kraftwerk: Die sächsische CDU-Fraktion begründete in der Landtagsdebatte vom 29.03.1996 den Bau von Lippendorf wie folgt: “Der Absatz des produzierten Stroms gilt aufgrund des Energiemonopols als gesichert. Weil Energieversorgung keinem Wettbewerb ausgesetzt ist, gilt das Kraftwerk als sicherste Investition.” Dabei stand die EU-Richtlinie 96/92/EG (vom 19.12.1996) zur Öffnung des europäischen Strommarktes kurz bevor.

3. Überzogene Beschäftigungserwartungen: Ende der 80er Jahre waren in der Braunkohlenwirtschaft des Leipziger Südraums (Bergbau, Energie und Braunkohlechemie) gut 54.000 Menschen tätig. Im “Energieprogramm Sachsen” (1993, S. 132) wurde das Kraftwerk Lippendorf mit dem sonstigen Verlust von “2.500 Arbeitsplätzen im Bergbau und im Kraftwerk” sowie von “8.000 Arbeitsplätzen in der Nachfolgeindustrie” usw. gerechtfertigt. Die eingetretene Beschäftigungswirkung ist wie folgt:
Vattenfall-Kraftwerksbetrieb: 311 Beschäftigte, 104 Auszubildende durch Vattenfall und 31 durch Fremde (Stand 01. November 2002).
Mibrag-Bergbaubetrieb: 380 laut Sächsiche Zeitung vom 27.01.2005. Im überarbeiteten Braunkohlenplan werden nur noch 250 Bergarbeiter als unmittelbar Beschäftige genannt.
Gipsverarbeitung: Anstatt der ursprünglich erwarteten 300 Beschäftigten bei der Gipsverarbeitung sind bislang nur 78 Arbeitsplätze entstanden. (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 108). Während 900.000 Tonnen Rauchgasentschwefelungsgips pro Jahr anfallen, werden 250.000 bis maximal 400.000 Tonnen davon durch die Firma Lafarge verarbeitet, die übrige Menge deponiert.
Gesamtbeschäftigung: Nach Hinzurechnung von Fremdaufträgen wird in der Studie “Energie- und regionalwirtschaftliche Bedeutung der Braunkohle in Ostdeutschland” der Prognos AG (20.04.2006) die Sicherung von insgesamt 813 Arbeitsplätzen durch Kraftwerksbetrieb und Bergbau angegeben (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 177).

4. Stagnierendes Beschäftigungsumfeld: Im Leipziger Südraum beträgt die Arbeitslosenquote bis zu etwa 25 Prozent. Nach Angabe des Sozialforschers Dr. Leonard Kasek “fehlen auf dem ersten Arbeitsmarkt gegenwärtig ca. 40.000 Arbeitsplätze”. Nur weniger als 2 Prozent der regional Beschäftigten seien im Bereich der Braunkohleverstromung tätig.

5. Regionale Absatzschwierigkeiten beim Braunkohlenstrom: Die Stadtwerke Leipzig GmbH (SWL) nimmt weniger als die ursprünglich vorgesehenen 10 Prozent der erzeugten Elektronenergie ab und kauft ihren Strom zum Teil im Ausland ein. Aufgrund des unzureichenden industriellen Ausbaus in den neuen Bundesländern kann der Stromabsatz des Kraftwerks Lippendorf nur durch eine Beteiligung am liberalisierten Energiemarkt unter unsicheren Renditebedingungen gewährleistet werden.

6. Ökologische Auflagen: Bei der Verbrennung von 11,7 Millionen Tonnen Braunkohle 2003 im Kraftwerk Lippendorf wurden etwa 14 Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) emittiert. Eine Belastung des Braunkohlenstroms infolge des ab 2005 vorgeschriebenen CO2-Emissionshandels der Europäischen Union stellt die Wettbewerbsfähigkeit der Braunkohleverstromung grundlegend in Frage, wie das auch der DEBRIV Bundesverband Braunkohle eingesteht (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 127). Die CO2-Emissionen des Kraftwerks könnten allenfalls durch die Zufeuerung von Biogas, Erdgas oder einem anderen kohlenstoffarmen Brennstoff reduziert werden. Der Bedarf nach der Heuersdorfer Braunkohle wäre ebenfalls dadurch zu erübrigen. Die Umstellung auf eine CO2-freie Verbrennung der Braunkohle stellt hingegen keine betriebswirtschaftlich vertretbare Perspektive dar. Der hohe energetische Aufwand des Verfahrens waüre die Nettoleistung des Kraftwerks auf 2 x 700 Megawatt herabsetzen.

Die nach EU-Recht geltenden Umweltverträglichskritierien sind weder beim Tagebau noch beim Kraftwerk in allen Punkten erfüllt worden. Es liegen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die voraussichtliche Auswirkung des zukünftigen Klimawandels auf den Wasserhaushalt im Bereich des Braunkohlenbergbaus vor.

Die energiewirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen der Braunkohleverstromung in den neuen Bundesländern werden im Pressespiegel Heuersdorf Aktuell dokumentiert.

Zusammengestellt aus Erkenntnissen des Vereins “Für Heuersdorf e. V.”

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