Heuersdorfer Löwe

Das Informationsblatt des "Für Heuersdorf e.V." zum Erhalt der Gemeinde Heuersdorf

V.i.S.d.P.: Dirk Reinhardt, c/o Gemeindeverwaltung Heuersdorf, Dorfstraße 25, 04574 Heuersdorf


7. AUSGABE / 15. MÄRZ 2001

Ein Beitrag zur lebendigen Demokratie

Im vergangenen Sommer war Heuersdorf bundesweit in den Schlagzeilen. Das „Rebellendorf“, wie es mittlerweile wegen seines Kampfes gegen die Braunkohlebagger genannt wird, hatte einen wichtigen Sieg vor Gericht errungen. Das Sächsische Verfassungsgericht erklärte das 1998 vom Dresdner Landtag beschlossene „Heuersdorf-Gesetz“ für verfassungswidrig und deshalb für nichtig. Damit war ein Gesetz außer Kraft gesetzt, das die Inanspruchnahme der Ortslage für den Braunkohlebergbau vorsah.

„David siegt gegen Goliath“, „Heuersdorf besiegt Kohle-Riesen“ - so und ähnlich lauteten die Schlagzeilen in den Zeitungen. Auch wenn Heuersdorf mit diesem Urteil noch nicht endgültig gerettet ist: Die Bedeutung des Urteils, das machten einige Kommentatoren deutlich, geht weit über das Dorf hinaus. Der Erfolg der Gemeinde sei ein „Zeichen für selbstbewußte Einmischung selbst in aussichtslos erscheinender Lage“ und damit ein „wichtiges Zeichen für Bürgerbeteiligung in der Demokratie“, schrieb beispielsweise die in Halle erscheinende „Mitteldeutsche Zeitung“. Insofern kann man den Kampf der Heuersdorfer um den Erhalt ihrer Heimat durchaus auch einen Beitrag zur lebendigen Demokratie in diesem Land nennen.

Dirk Reinhardt



Heuersdorf erringt wichtigen Sieg vor Verfassungsgericht

Die mit einem eigens gemieteten Bus nach Leipzig angereisten Einwohner und Freunde Heuersdorfs konnten ihre Freude am Vormittag des 14. Juli 2000 kaum fassen: Soeben hatten die in grüne Roben gekleideten Richter des Sächsischen Verfassungsgerichtshofes ihre Entscheidung zur Normenkontrollklage der Gemeinde gegen das zwei Jahre zuvor vom Landtag in Dresden beschlossene „Heuersdorf-Gesetz“ verkündet: Das Gesetz, so urteilten die Richter, sei verfassungswidrig und deshalb nichtig; und die Eingemeindung Heuersdorfs nach Regis-Breitingen sei per 30. September 2000 rückgängig zu machen. Jubel in den Zuschauerbänken des Gerichtssaals, betretene Gesichter bei den Vertretern der Staatsregierung und der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag).

Schallende Ohrfeige

Für die sächsische Staatsregierung bedeutete das Urteil eine schallende Ohrfeige. Immerhin bescheinigten ihr die Leipziger Richter, mit dem „Heuersdorf-Gesetz“ gleich mehrfach gegen die Verfassung des Freistaates verstoßen zu haben. So seien Anhörungsrechte der Gemeinde bei der zum 1. Januar 2000 erfolgten Zwangseingemeindung nach Regis-Breitingen mißachtet worden. Zur Erinnerung: Per „Heuersdorf-Gesetz“ war diese Eingemeindung festgelegt worden, obwohl Heuersdorf im Rahmen der Gemeindegebietsreform einen Zusammenschluß mit den Gemeinden Deutzen und Ramsdorf favorisiert.

Energiebedarfs-Prognose unzureichend

Noch peinlicher für die „Experten“ in Regierung und Ministerialbürokratie in Dresden war die Feststellung der Verfassungsrichter, daß die dem Gesetz, das ja auch die Inanspruchnahme der Ortslage Heuersdorfs für den Braunkohle-Abbau ermöglichen soll-te, zugrundegelegte Energiebedarfs-Prognose unzureichend sei. Insbesondere, so die Richter, berücksichtige diese Prognose nicht die Liberalisierung des Strommarktes in Deutschland, die zu einem stärkeren Wettbewerb zwischen den Stromanbietern führt. Ein möglicher höherer Strombedarf in Sachsen müsse angesichts dieser Rahmenbedingungen nicht zwangsläufig aus Braunkohle-Strom gedeckt werden - ein Umstand, auf den die Gemeinde Heuersdorf schon seit Jahren vergebens hingewiesen hatte. Die Staatsregierung hatte dies indes beharrlich ignoriert und am Monopol des Braunkohle-Stroms in Ostdeutschland - gesichert durch die Braunkohle-Schutzklausel, die dem ostdeutschen Stromerzeuger Veag den Absatz seines aus Braunkohle erzeugten Stroms in den neuen Bundesländern garantieren sollte - festgehalten. Dieses Monopol aber, das hat die Entwicklung der vergangenen Jahre gezeigt, bröckelt immer stärker unter dem Drängen weiterer Stromanbieter auf den ostdeutschen Energiemarkt.

Wutschnaubende Mibrag

Das Urteil der Leipziger Verfassungsrichter wurde insbesondere von den im Gerichtssaal anwesenden Vertretern der Mibrag mit sichtlicher Verärgerung aufgenommen. Prompt richteten sie per Zeitung und Rundfunk die - in den darauffolgenden Tagen von der Bergbau-Gewerkschaft IG BCE gehorsam nachgeplapperte - Forderung an die Staatsregierung, nun ein „wasserdichtes“ Gesetz zur Beseitigung Heuersdorfs vorzulegen. Sachsens Ministerpräsident Biedenkopf (CDU) kündigte denn auch sogleich die Erarbeitung eines neuen „Heuers-dorf-Gesetzes“ an, das die Abbaggerung der Gemeinde erlauben werde. Biedenkopf legte damit, so kritisierte der „Für Heuersdorf e.V.“ in einer Pressemitteilung am 19. Juli 2000, eine „bestürzende Ignoranz“ gegenüber den Entwicklungen auf dem Energiemarkt an den Tag.

Heuersdorf: Jetzt über Umfahrung nachdenken

Noch am Tag des Verfassungsgerichts-Urteils hatte die Gemeinde Heuersdorf ihren Vorschlag erneuert, die Variante einer Umfahrung des Dorfes durch den Braunkohle-Tagebau „Vereinigtes Schleenhain“ ernsthaft zu diskutieren. Das Dorf, so der Vorschlag, könnte als „Halbinsel“ am Rande des Tagebaus stehenbleiben. Die dann für die Stromerzeugung im Kraftwerk Lippendorf „fehlenden“ 40 Millionen Tonnen Kohle, die unter Heuersdorf vermutet werden, könnten aus dem ohnehin nicht ausgelasteten zweiten Mibrag-Tagebau Profen geliefert werden.

Neue Initiative im Landtag

Die Umfahrungsvariante ist inzwischen auch im Dresdner Landtag wieder Gegenstand der Debatte geworden. Im August 2000 stellte die PDS im Landtag den Antrag, „den Vorschlag der Gemeinde Heuersdorf zur bergbaulichen Umfahrung des Ortes und teilweisen Fremdbekohlung des Kraftwerkes Lippendorf aus anderen Tagebauen aufzugreifen und die für die Umsetzung des Vorschlages erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen“. Damit könne, so heißt es weiter in dem Antrag, sowohl für Heuersdorf als auch für die Mibrag in den nächsten Jahren Planungssicherheit geschaffen werden - ein durchaus schwer wiegendes Argument angesichts der zeitraubenden Erarbeitung eines neuen „Heuersdorf-Gesetzes“. Im Oktober wurde der PDS-Antrag im Landtag mehrheitlich zur weiteren Beratung an den Umweltausschuß verwiesen. Die CDU-Fraktion hatte dies zuvor unter anderem damit begründet, daß in dieser Frage in ihren Reihen kein einheitlicher Standpunkt bestehe. Dies deutet darauf hin, daß sich zumindest bei einigen CDU-Abgeordneten ein Sinneswandel in Richtung Heuersdorf anzubahnen scheint.

Am 19. März wird sich der Umweltausschuß des Landtages mit dem Thema befassen - in einer Anhörung, zu der von der PDS auch Vertreter aus Heuersdorf geladen wurden.

Leipziger Urteil ist wichtiger Etappensieg

Für die Gemeinde und ihre Einwohner ist das Urteil des Verfassungsgerichts ein wichtiger Etappensieg. Die Selbstständigkeit Heuersdorfs ist inzwischen wiederhergestellt, seine Handlungsfähigkeit im Kampf gegen die drohende Devastierung damit gestärkt. Außerdem ist wichtige Zeit gewonnen, in der die Liberalisierung des deutschen Energiemarktes weiter voranschreiten und die einseitige Fixierung der sächsischen Staatsregierung auf die Braunkohle immer fragwürdiger wird.

Ausgestanden ist der Existenzkampf des Dorfes damit aber noch nicht. Die Protagonisten der Vernichtung der über 700 Jahre alten Gemeinde haben ihr Ziel noch nicht aufgegeben. Und so formulierte der neue Vorsitzende des „Für Heuersdorf e.V.“, Bernd Günther, nach der Urteilsverkündung in Leipzig ganz treffend: „Wir haben ein Gefecht gewonnen, aber noch nicht die Schlacht.“

Gemeinde klagt gegen Braunkohlenplan

Ende November vergangenen Jahres hat die Gemeinde Heuersdorf eine weitere juristische Initiative ergriffen, um ihre drohende Vernichtung durch den Braunkohle-Abbau abzuwenden. Vor dem Oberverwaltungsgericht in Bautzen stellte die Gemeinde einen Antrag auf Normenkontrolle gegen den Braunkohlenplan „Vereinigtes Schleenhain“.

Dieser Plan stellt immer noch die landesplanerische Grundlage des Braunkohletagebaus in der Region südlich von Leipzig dar. Nach Ansicht der Gemeinde ist er infolge des Verfassungsgerichtsurteils zum „Heuersdorf-Gesetz“ jedoch nun nichtig, denn er sieht immer noch die Auflösung der Gemeinde vor. Hierfür bedarf es jedoch eines vom Landtag beschlossenen Gesetzes. Ein solches existiert nun nicht mehr, nachdem das Verfassungsgericht das „Heuersdorf-Gesetz“ für nichtig erklärt hat.

Der Antrag der Gemeinde lautet in erster Linie darauf, daß die bebaute Ortslage von Heuersdorf aus dem Abbaugebiet herausgenommen werden soll. Damit kann vermieden werden, daß dem Braunkohlenabbau insgesamt die landesplanerische Grundlage entzogen wird.

Der Antrag auf Normenkontrolle gegen den Braunkohlenplan war nach Ansicht Heuersdorfs auch deswegen erforderlich, weil das Votum des Verfassungsgerichts von sächsischen Behörden offensichtlich ignoriert wird. So lehnt beispielsweise das Amt für ländliche Neuordnung Fördermaßnahmen zur Dorfentwicklung in Heuersdorf gegenwärtig mit der Begründung ab, daß der Braunkohlenplan noch existiere.

Heuersdorf will Förderung

Jahrelang hat der Freistaat Sachsen mit Verweis auf die geplante Devastierung Fördermittel für Heuersdorf etwa zur Dorfentwicklung verweigert. Dies soll nun anders werden. In einem Brief an das Landwirtschaftsministerium hat Heuersdorfs Bürgermeister Horst Bruchmann nun die Aufnahme der Gemeinde in verschiedene Förderprogramme des Landes beantragt. So könnte die Gemeinde nach Ansicht Bruchmanns in das Programm zur Dorfentwicklung sowie in das Förderprogramm für „kohlegeschädigte Dörfer“ aufgenommen werden. Gelder für die Sanierung von Gebäuden oder Infrastruktureinrichtungen wären in jedem Fall willkommen. Hatten doch die Heuersdorfer in den vergangenen Jahrzehnten unter dem Damoklesschwert des Braunkohle-Bergbaus nur unter großen Schwierigkeiten und allein auf die eigene Kraft bauend ihre Häuser erhalten und modernisieren können.

Jugendliche diskutieren in Heuersdorf über Klimawandel

Heuersdorf ist vom 15. bis 19. März Schauplatz der 3. Klimakonferenz der Jugend. Zu der vom Bündnis „Jugend pro Klimaschutz“ organisierten Konferenz werden rund 150 Teilnehmer aus ganz Deutschland erwartet. Sie werden in Workshops und Podiumsdiskussionen mit Wissenschaftlern über Fragen des Klimaschutzes, die schonende Nutzung natürlicher Ressourcen und über wirtschaftliche Fragen debattieren.

Heuersdorf ist nach Bonn und Berlin der dritte Veranstaltungsort der Klimakonferenz, die vor drei Jahren von Schülern und Studenten ins Leben gerufen worden war. Für die Gemeinde und ihre Einwohner ist diese Veranstaltung ein wichtiges Zeichen der Solidarität. Sie ist außerdem ein wichtige Unterstützung für die Bemühungen Heuersdorfs, Impulse für eine Debatte über eine neue, auf Alternativen zur Braunkohle setzende Energiepolitik zu geben.

Auf dem Programm der Konferenz stehen Vorträge über den Klimawandel in der Welt, dargestellt an verschiedenen Beispielen. Fragen der Entwicklung des Leipziger Südraums stehen ebenso auf dem Programm wie Möglichkeiten zum Ausstieg aus der Nutzung der Braunkohle als Energieträger. Abschluß der Konferenz ist eine Podiumsdiskussion am Sonntag zum Thema „Ökologische Nachhaltigkeit im Aufbau der Wirtschaft Ostdeutschlands“.

Die Konferenz findet im übrigen ohne Vertreter der sächsischen Landesregierung und des Regierungspräsidiums Leipzig statt. Weder das Umweltministerium in Dresden noch der Leipziger Regierungspräsident Steinbach waren bereit, nach Heuersdorf zu kommen und mit den Jugendlichen zu diskutieren - offenbar aus Angst vor unbequemen Fragen nach dem zweifelhaften Sinn einer Zerstörung des Dorfes.

Führungswechsel, Infozentrum und ABM: Neuigkeiten aus dem „Für Heuersdorf e.V.“

An der Spitze des “Für Heuersdorf e.V.” hat es im vergangenen Jahr einen personellen Wechsel gegeben. Bei der Mitgliederversammlung am 6. Mai erklärte der bisherige Vereinsvorsitzende, Manfred Reuter, seinen Rücktritt. Er begründete diesen Schritt damit, daß er sich kaum noch in der Lage sehe, die im Verein anfallenden und in ihrem Umfang zunehmenden Aufgaben zu überblicken und wahrzunehmen. Die Mitgliederversammlung akzeptierte diese Erklärung Manfred Reuters, und der Vorstand dankte ihm im Namen des Vereins für seine jahrelange Tätigkeit an der Spitze des “Für Heuersdorf e.V.”.

Zum neuen Vereinsvorsitzenden wurde Bernd Günther, bis dahin Mitglied des beratenden Ausschusses, gewählt. Auf den weiteren Positionen blieb der Vorstand des Vereins unverändert: Stellvertretende Vereinsvorsitzende ist Manuela Meißner, Schatzmeisterin ist Birgit Trzebinsky, Schriftführer ist Dirk Reinhardt. Unterstützt wird der Vorstand vom beratenden Ausschuß, dem Andreas Gey, Jana Keller, Ina Keller und Horst Bruchmann angehören.

Informationszentrum des Vereins

Bei der Mitgliederversammlung informierte der Energiebeauftragte der Gemeinde, Jeffrey Michel, die Anwesenden auch über das Ende 1999 in den Räumen der Konsum-Verkaufsstelle eröffnete Informationszentrum des Vereins. Hier werden den Vereinsmitgliedern und den Einwohnern der Gemeinde verschiedene Angebote gemacht. Das betrifft zum einen Informationen und Beratung über die Tätigkeit des Vereins, über Fragen der Dorfentwicklung, des Umwelt- und Naturschutzes, zur Energiewirtschaft etc. Unter anderem ist im Informationszentrum auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) präsent. Außerdem stellen einige Firmen aus dem Bereich der Umwelttechnik ihre Produkte vor.

Neben diesen Informations- und Beratungsangeboten gibt es im Zentrum, dessen Einrichtung vor allem der Initiative von Jeffrey Michel zu verdanken ist, auch die Möglichkeit, das Internet zu nutzen. Immerhin hat mit der Einrichtung einer eigenen Homepage (www.heuersdorf.de) schon vor längerer Zeit das “Internet-Zeitalter” in Heuersdorf begonnen. Insbesondere Kinder aus der Gemeinde nutzen dieses Angebot inzwischen sehr intensiv, sie erhalten im Informationszentrum darüber hinaus auch Unterweisungen in der Benutzung von Computern. Desweiteren bemüht sich der Verein, vor allem Kindern und Jugendlichen weitere Freizeitangebote im Zentrum zu machen.

Inzwischen wird das Informationszentrum auch von mehreren Landtagsabgeordneten der PDS genutzt. Sie bieten hier regelmäßig Bürgersprechstunden an.

Vernetzung von Gemeinde und Verein

Ein weiteres ehrgeiziges Projekt, das der Verein gegenwärtig gemeinsam mit der Gemeinde Heuersdorf realisiert, ist die Computer-Vernetzung von Informationszentrum und Gemeindeverwaltung. Dabei geht es um die Installation eines gemeinsamen Servers, auf dem sowohl Verein als auch Gemeinde ihre Daten speichern und verwalten können - natürlich unter Einhaltung der datenschutzrechtlichen Bestimmungen. Ziel ist ein effektiverer Umgang mit Daten, die teilweise sowohl vom Verein als auch von der Gemeinde genutzt werden. Diese Lösung bringt also auch eine Arbeitserleichterung mit sich, da Daten künftig nicht mehr “doppelt produziert” werden müssen.

ABM-Stelle bewilligt

Im vergangenen Jahr waren auch die Bemühungen des Vereins und der Gemeinde um eine ABM-Stelle von Erfolg gekrönt. Das Arbeitsamt bewilligte eine solche Stelle. Seit dem 1. September 2000 betreut nun Frau Birgit Trzebinsky das Informations- und Beratungszentrum in Heuersdorf. Hier ist sie unter anderem zuständig für die Kinderbetreuung im Rahmen der Freizeitangebote, die im Informationszentrum gemacht werden, zuständig.

Für den Verein hat dies die angenehme “Nebenwirkung”, daß er nunmehr ständig erreichbar ist. Frau Trzebinsky ist in der Regel tagsüber im Informationszentrum anzutreffen und telefonisch unter der Nummer 034342 / 50839 zu erreichen. Und übrigens: Seit der Wiedererlangung der Selbstständigkeit Heuersdorfs ist auch die Gemeindeverwaltung wieder ständig besetzt.


Extraausgabe 8. September 1999

Streit um Heuersdorf wird nun auch vor Gericht ausgetragen

Mit der Auseinandersetzung um die von der Sächsischen Staatsregierung und der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag) geplante Vernichtung Heuersdorfs müssen sich nun auch Sachsens Verfassungsrichter beschäftigen. Seit nunmehr über einem Jahr liegt dem Sächsischen Verfassungsgerichtshof in Leipzig eine Normenkontrollklage der Gemeinde Heuersdorf gegen das “Heuersdorf-Gesetz” vor. Die Klage wurde im Juli vergangenen Jahres eingereicht.

Zur Erinnerung: Das im März vergangenen Jahres vom Landtag in Dresden verabschiedete “Heuersdorf-Gesetz” legt die Eingemeindung Heuersdorfs in die Stadt Regis-Breitingen fest. Die Stoßrichtung dieses von der Staatsregierung in den Landtag eingebrachten Gesetzes war von Anfang an klar: Durch die Eingemeindung verliert Heuersdorf seinen Status als eigenständige Gemeinde und somit auch seine Handlungsfähigkeit. Die Staatsregierung wollte mit diesem Gesetz also die Möglichkeiten der Gemeinde und ihrer Organe beschneiden, sich gegen die Devastierung zur Wehr zu setzen.

In ihrer Klage bemängelt die Gemeinde Heuersdorf zum einen formale Fehler im Gesetzgebungsverfahren - so wurden die Heuersdorfer beispielsweise nicht dazu befragt, ob sie - wie im Gesetz vorgesehen - nach Regis eingemeindet und später dorthin umgesiedelt werden wollen - , zum anderen macht sie geltend, daß der Nachweis der energiepolitischen Notwendigkeit der Devastierung Heuersdorfs nach wie vor nicht erbracht worden ist. Gegen die Verfassung des Freistaates Sachsen verstößt das Gesetz nach Ansicht der Gemeinde und ihrer juristischen Vertreter auch deshalb, weil es beispielsweise die verfassungsmäßig geschützte Selbstverwaltung der Gemeinde mißachtet. So wurde der Gemeinderat für die Dauer einer ganzen Legislaturperiode gewählt. Ein demokratisch gewähltes Gremium kann daher nicht mitten in einer Legislaturperiode per Gesetz zum Ortschaftsrat mit eingeschränkten Befugnissen degradiert werden.

Erster Teilerfolg vor Gericht

Zeitgleich mit der Normenkontrollklage hat die Gemeinde beim Verfassungsgericht einen Antrag auf Erlaß einer Einstweiligen Anordnung gestellt, in der das Inkrafttreten des Gesetzes zum 1. Januar 1999 solange aufgeschoben werden sollte, bis eine Entscheidung in der Hauptsache erfolgt sei. Der Antrag wurde mit der Befürchtung begründet, daß der nunmehr für den “Ortsteil” Heuersdorf zuständige Stadtrat von Regis-Breitingen Entscheidungen bezüglich der Entwicklung der Gemeinde treffen könnte, die im Falle eines Sieges Heuersdorfs vor Gericht nicht mehr rückgängig gemacht werden könnten.

Das Verfassungsgericht hat den Antrag auf Einstweilige Verfügung im Dezember 1998 jedoch abgelehnt, somit ist Heuersdorf seit 1. Januar dieses Jahres Ortsteil der Stadt Regis-Breitingen. Immerhin haben die Verfassungsrichter sowohl dem Freistaat Sachsen als auch der Stadt Regis-Breitingen einige Auflagen erteilt. So dürfen diese bis zur Entscheidung über die Normenkontrollklage keine Entscheidungen treffen oder Maßnahmen einleiten, die der Gemeinde Heuersdorf im Falle ihres Sieges vor Gericht die Wiederherstellung ihrer Selbständigkeit “unzumutbar erschweren”. Außerdem gilt die Gemeinde bei Entscheidungen, die im Zusammenhang mit der bergbaulichen Inanspruchnahme des Gemeindegebietes von Heuersdorf stehen, weiterhin als eigenständig und damit als allein entscheidungsbefugt.

Arbeit wird erschwert

Trotz dieses Teilerfolgs hat sich inzwischen gezeigt, daß sich die Eingemeindung nach Regis-Breitingen nachteilig auf die Gemeindearbeit in Heuersdorf auswirkt. Bei Inkrafttreten der Eingemeindung war seitens der Stadt Regis-Breitingen keinerlei Regelung und Absprache mit Heuersdorf über die künftige Zusammenarbeit erfolgt. Entsprechend schwierig gestaltete sich diese in den vergangenen Wochen. Eine von der Gemeinde Heuersdorf vorgelegte Vereinbarung über die Rechtsfolgen der Eingemeindung, in welcher das Verhältnis zwischen Stadt und “Ortsteil” klar definiert und die Zusammenarbeit geregelt ist, wurde bis heute nicht von der Stadt Regis-Breitingen unterzeichnet. dr

"Beratungsbüro" soll Gegner der Umsiedlung entzweien

Große Empörung hat in Heuersdorf die Einrichtung eines sogenannten Beratungsbüros für umsiedlungswillige Einwohner durch die Staatsregierung im Juli dieses Jahres ausgelöst. In einem bereits von der Mibrag erworbenen Haus sollen Mitarbeiter der Kommunalentwicklung Baden-Württemberg GmbH “vor Ort die Bürger beraten und unterstützen”. Das jedenfalls behauptete Sachsens Wirtschaftsminister Schommer in einer am 9. Juli veröffentlichten Pressemitteilung. Und begründete diese Behauptung mit einer faustdicken Lüge: Angeblich sei der Ortschaftsrat nicht bereit, Ansprechpartner für die im Zusammenhang mit der Umsiedlung auftretenden Fragen zu sein.

Ortschaftsrat und Bürgermeister von Heuersdorf haben diese Behauptung energisch zurückgewiesen und darauf aufmerksam gemacht, dass sie zu keiner Zeit von der Staatsregierung gebeten worden sind, derartige Beratungsangebote zu machen.

Reichlich heuchlerisch ist zudem die Erklärung des Wirtschaftsministers, Hintergrund der Einrichtung des Büros sei die “Sorge, daß sich immer mehr Bürger aus der Gemeinschaft lösen und ihren Umzug allein vorantreiben”. Das Beratungsangebot sei daher die letzte Chance, eine gemeinsame Umsiedlung zu bewerkstelligen.

Die Art und Weise, in der die Mitarbeiter des Beratungsbüros in Heuersdorf vorgehen, straft diese Behauptung Lügen. In Briefen und Telefonanrufen in allen Haushalten versuchen sie, die Bürger zu Einzelgesprächen über die Umsiedlung zu bewegen. Offensichtlich geht es darum, die Gemeinschaft der Umsiedlungsgegner zu entzweien und jeden einzelnen Haushalt “herauszukaufen”. Diese Vorgehensweise ist auch deshalb empörend, weil über die Frage, ob das Dorf umgesiedelt wird oder nicht, bekanntlich noch nicht endgültig entschieden worden ist.

Die Einwohner und der “Für Heuersdorf e.V.” haben sehr schnell auf die Eröffnung des “Beratungsbüros” - dieses wird übrigens von der Mibrag finanziert - reagiert. Im ganzen Dorf hängen seit einigen Wochen Transparente und Plakate, die den Willen der Mehrheit der Heuersdorf zum Bleiben in ihrer Gemeinde bekunden. Außerdem werden die “Berater” aufgefordert, ihre Tätigkeit in Heuersdorf einzustellen. In einer Einwohnerversammlung wurden den anwesenden Mitarbeitern des Büros zudem deutlich erklärt, daß sie in Heuersdorf unerwünscht sind. dr

Neuer Vereinsvorstand

Auf der Jahreshauptversammlung des Vereins am 5. Juni 1999 wurde ein neuer Vorstand gewählt.

Neuer Vorsitzender des “Für Heuersdorf e.V.” ist Manfred Reuter, der dieses Amt schon einmal innehatte. Zur Stellvertreterin wurde Manuela Meißner gewählt. Kassenwart ist nunmehr Birgit Trzebinsky, Schriftführer ist weiterhin Dirk Reinhardt.

Außerdem wurde ein beratender Ausschuß gewählt, der den Vorstand in seiner Arbeit unterstützen soll. Diesem Ausschuß gehören an: Andreas Gey, Jana Keller, Ina Keller, Horst Bruchmann sowie Bernd Günther.


5. AUSGABE / 17. APRIL 1998

Unerfüllte Erwartungen

Wieder einmal mußte sich der sächsische Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) in diesen Tagen korrigieren. Die Zahl der im Leipziger Südraum im Zusammenhang mit dem Kraftwerksneubau in Lippendorf zu erwartenden neuen Arbeitsplätze ist deutlich niedriger, als dies immer propagiert worden war. Jetzt sollen es noch 4500 Jobs sein, die im Kraftwerk, im Braunkohletagebau und in Zulieferbetrieben geschaffen (oder vielleicht auch nur gesichert ?) werden sollen - und nicht 10.000, wie man noch vor nicht allzu langer Zeit der Öffentlichkeit vorgeschwärmt hatte.

Mehrfach sahen sich die Damen und Herren Regierenden in Dresden in den letzten Jahren genötigt, ihre Arbeitsplatzprognosen herunterzuschrauben. Dies kommt einem Eingeständnis gleich. Einem Eingeständnis der Tatsache, daß die Öffentlichkeit mit überzogenen Erwartungen fahrlässig oder gar bewußt getäuscht wurde, als es darum ging, Zustimmung für die Devastierung von Heuersdorf zu bekommen. Heute jedoch sind die Unternehmen, vor deren Karren sich die Regierung hat spannen lassen, offenbar nicht bereit, diese Erwartungen zu erfüllen.

Dessen ungeachtet verfolgt man in Dresden die Pläne zur Vernichtung Heuersdorfs weiter. Jüngster Schritt war die Verabschiedung des "Heuersdorf-Gesetzes" am 19. März im sächsischen Landtag. Schließlich gilt es, Profite zu sichern. Und da stören die Heuersdorfer nur. dr

Heuersdorf klagt vor Verfassungsgericht

Der Kampf um Heuersdorf tritt in die "heiße Phase" ein: Am 19. März verabschiedete der Sächsische Landtag in Dresden mit den Stimmen der CDU und Teilen der PDS (die SPD enthielt sich) das "Heuersdorf-Gesetz". Damit soll die Eingemeindung Heuersdorfs nach Regis-Breitingen besiegelt und so der Weg zur Abbaggerung der Gemeinde freigemacht werden.

Verfassungsklage angekündigt

Sofort nach Verabschiedung des Gesetzes kündigten Vertreter der Gemeinde und des "Für Heuersdorf e.V." in einer Pressekonferenz im Gebäude des Landtags eine Normenkontrollklage gegen das Gesetz vor dem Sächsischen Verfassungsgericht an. Damit erhält die Auseinandersetzung um die weitere Existenz Heuersdorfs nun auch eine juristische Dimension. Neben formalen Einwänden gegen das Gesetzgebungsverfahren ist an dem Gesetz vor allem zu kritisieren, daß nach wie vor nicht die energiewirtschaftliche Notwendigkeit der Devastierung Heuersdorfs begründet worden ist. Und: Trotz Einfügung eines Paragraphen im nunmehr beschlossenen zweiten Gesetzentwurf, der die bergbauliche Inanspruchnahme Heuersdorfs gestattet, bleibt das Gesetz im Kern ein Gesetz zur Gemeindegebietsreform. Denn sein Hauptinhalt und Ziel ist weiterhin die Eingemeindung Heuersdorfs nach Regis-Breitingen. Somit bleibt es also bei der mißbräuchlichen Inanspruchnahme des Instruments der Gemeindegebietsreform für wirtschaftliche Zwecke. Als Ortsteil von Regis-Breitingen hätte Heuersdorf kaum noch Chancen, sich gegen seine Abbaggerung im Interesse der Braunkohle-Industrie zu wehren.

Beruhigungspille

Nach zahlreichen Einwendungen gegen den ersten Entwurf des "Heuersdorf-Gesetzes" (siehe Heuersdorfer Löwe Nr. 4) hatte das Kabinett immerhin einige Änderungen daran vorgenommen. Die wichtigste: Heuersdorf soll auch als Ortsteil von Regis die Möglichkeit eingeräumt bekommen, gegen verwaltungsrechtliche Entscheidungen im Zusammenhang mit seiner "bergbaulichen Inanspruchnahme" vor Gericht klagen zu können. Für derartige Verfahren, so heißt es, solle Heuersdorf weiterhin als eigenständige Gemeinde betrachtet werden.

Damit schien die Regierung in Bezug auf den Hauptkritikpunkt Heuersdorfs an dem Gesetz eingelenkt zu haben. Von unserer Seite war vor allem kritisiert worden, daß Heuersdorf durch die Degradierung zum Ortsteil von Regis seiner juristischen Eigenständigkeit und damit seiner rechtsstaatlichen Mittel beraubt würde. Die nun im Gesetz verankerte Klagemöglichkeit ist bei genauerem Hinsehen jedoch nicht mehr als eine "Beruhigungspille" für die Öffentlichkeit. Denn die vorgesehene Regelung scheint mit diversen anderen Gesetzen in Konflikt zu stehen - etwa mit der sächsischen Gemeindeordnung. Diese gesteht den demokratisch gewählten Vertretern von Ortsteilen nur sehr eingeschränkte Befugnisse zu. Das Führen von Prozessen - wie es für Heuersdorf künftig verstärkt notwendig sein wird - gehört nicht dazu. Demnach soll das "Heuersdorf-Gesetz" dem Ortsvorsteher etwas gestatten, das ihm die Gemeindeordnung verbietet. Auch in Bezug auf andere Punkte des Gesetzes gibt es noch juristischen Klärungsbedarf.

In der kritischsten Phase wehrlos

Schließlich ist auch die zeitliche Begrenzung der Klage-Möglichkeiten bemerkenswert. Die entsprechende Regelung im "Heuersdorf-Gesetz" soll "längstens bis zum 31.12.2010" gelten - also etwa bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Mibrag-Bagger vor Heuersdorf stehen sollen. Offenbar soll so sichergestellt werden, daß den Heuersdorfern gerade in der kritischsten Phase, in der ihrem Heimatdorf der Garaus gemacht werden soll, kein rechtsstaatliches Mittel zum Schutz ihrer Gemeinde mehr zur Verfügung steht.

Generell ist also einzuschätzen, daß das "Heuersdorf-Gesetz" in keiner Weise den Interessen der Gemeinde Heuersdorf entspricht, sondern in erster Linie dem Ziel dienen soll, den Heuersdorfer Widerstand zu brechen.

Gemeindegebietsreform

Neben dem "Heuersdorf-Gesetz" hat die Landesregierung im vergangenen Oktober auch das Gesetz zur Gemeindegebietsreform in Westsachsen auf den Weg gebracht. Auch hierin ist die Eingemeindung Heuersdorfs nach Regis vorgesehen. Wiederum negiert also die Landesregierung den Wunsch der Gemeinden Deutzen, Ramsdorf und Heuersdorf, sich zu einer Verwaltungseinheit zusammenzuschließen. Und schließlich stiftet sie mit ihren Gesetzesvorhaben noch zunehmende Verwirrung. Immerhin gibt es bereits zwei Gesetze, mit denen die Mundtotmachung von Heuersdorf erreicht werden soll. Unklar bleibt, welches der beiden Gesetze denn nun eigentlich das maßgebende ist. dr

Kirche nahm Stellung zur Heuersdorf-Problematik

Die Evangelisch-Lutherische Landessynode Sachsens hat auf ihrer Sitzung im November vergangenen Jahres angeboten, im Konflikt um Heuersdorf eine Vermittlerrolle einzunehmen. Dem Superintendenten in Borna, Matthias Weismann, erteilte das "Parlament" der sächsischen Landeskirche den Auftrag, als unabhängiger Moderator Gespräche zwischen beiden Seiten zu vermitteln.

Der "Für Heuersdorf e.V." hat dieses Angebot der Kirche grundsätzlich begrüßt. Jedoch vertritt der Verein ebenso wie die Gemeinde die Position, daß diese Gespräche ergebnisoffen sein müssen. Es darf darin also nicht, wie dies etwa von der Staatsregierung deutlich gemacht worden ist, lediglich nur noch um das "Wie" einer Umsiedlung gehen. Grundsätzlich muß erst einmal über das "Ob", also die Frage der Notwendigkeit dieser Maßnahme diskutiert werden. Ein Gesprächstermin ist bislang noch nicht bekannt.

In einem Positionspapier hat der Sozial-Ethische Ausschuß der Synode unter anderem deutlich gemacht, daß der Platz der Kirche "an der Seite der Menschen von Heuersdorf (ist), die daran leiden, daß ihnen im Interesse der Allgemeinheit ein schweres Opfer abverlangt werden soll" (siehe Dokumentation).

Der Stellungnahme der Landessynode war ein von Gisela Kallenbach aus Leipzig initiierter Besuch mehrerer Synodaler und des persönlichen Referenten von Landesbischof Volker Kreß im August 1997 in Heuersdorf vorausgegangen. Bei einem Rundgang durch das Dorf und in einem abschließenden Gespräch mit Einwohnern der Gemeinde informierten sie sich vor Ort über die Problematik. Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang die (kritische) Feststellung des Umweltbeauftragten der Landeskirche, Joachim Krause, seitens seiner Kirche bis dato noch keine offizielle Anfrage zum Thema Heuersdorf bekommen zu haben - obwohl doch gerade Heuersdorf eine Herausforderung für den christlichen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung ist.

Bereits im Juni vergangenen Jahres hatte der 27. Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT) Position für Heuersdorf bezogen, indem er einen seiner Eröffnungsgottesdienste in der Gemeinde abhielt (siehe Heuersdorfer Löwe Nr. 4). In seiner Predigt kritisierte der Superintendent des Kirchenkreises Südharz, Curt Stauss aus Nordhausen (Thüringen), die ressourcenvernichtende Energiepolitik. Natur werde als "bloßes Material" angesehen. "Bewahrung der Schöpfung ist noch nicht das Hauptthema geworden für Politiker und Energieproduzenten", sagte Stauss. Gleichzeitig machte er den Heuersdorfern und den zahlreichen Gottesdienstteilnehmern Mut. Er erinnerte daran, daß die fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung schon einige "fragwürdige Großprojekte wie Atomkraftwerke oder Müllverbrennungsanlagen" verhindert habe. (Siehe auch Dokumentation) dr

Landratsamt erteilte erste Abbruchgenehmigung

Das Landratsamt Leipziger Land hat am 8. Januar dieses Jahres der Mibrag die erste Abrißgenehmigung in Heuersdorf erteilt. Die Genehmigung erlaubt dem Unternehmen den Abbruch der Gebäude auf dem Grundstück Dorfstraße 2, das ein Wohnhaus und mehrere Nebengebäude umfaßt. Nach Bekanntwerden der Genehmigung hat der "Für Heuersdorf e.V." am 23. Januar in einer Pressemitteilung scharf gegen die Abrißpolitik der Mibrag protestiert. Unter anderem heißt es darin: "Damit ist offensichtlich, daß die Mibrag ihre Strategie der Demoralisierung der Dorfbevölkerung durch eine - vorerst punktuelle - Zerstörung der Gebäudesubstanz und damit des geschlossenen Ortsbildes sowie der Gemeindestruktur in die Tat umsetzen will. Bagger und Abrißbirne sind offenbar die neuen 'Argumente', mit denen das Unternehmen die Heuersdorfer zum Verlassen ihres Heimatdorfes 'bewegen' will."

Desweiteren hat der "Für Heuersdorf e.V." die Mibrag aufgefordert, solange keine Abbrucharbeiten auf von ihr in Heuersdorf erworbenen Grundstücken durchzuführen, bis eine endgültige Entscheidung über die Zukunft der Gemeinde gefallen ist. An das Landratsamt Leipziger Land erging die Forderung, die erteilte Abbruchgenehmigung zurückzunehmen und vorerst keine weiteren derartigen Genehmigungen zu erteilen.

Aufgeschreckt durch ein breites Presseecho reagierte die Mibrag am 26. Januar mit einem Schreiben an den Heuersdorfer Bürgermeister. Darin teilt sie mit, "daß die Geschäftsleitung bereits einen Tag nach Bekanntgabe der Abbruchgenehmigung im Hinblick auf das laufende Gesetzgebungsverfahren entschieden hatte, von ihr zunächst keinen Gebrauch zu machen." dr

Heuersdorf im Internet

Die Gemeinde Heuersdorf und der "Für Heuersdorf e.V." haben ihre Aktivitäten im Internet intensiviert. Die Gemeinde hat jetzt einen eigenen Internetanschluß und Jeffrey Michel, Mitglied des erweiterten Vorstands unseres Vereins, hat inzwischen eine eigene Homepage gestaltet. Sie enthält Informationen über die Gemeinde, den Verein, den Konflikt um Heuersdorf, über energiewirtschaftliche Themen u.a.m. Das Informationsangebot auf der Seite wird noch weiter ausgebaut.

38 Fragen zu Heuersdorf

Eine umfassende Darstellung des Heuersdorf-Konflikts aus unserer Sicht bietet die Broschüre "38 Fragen zu Heuersdorf", die unser Verein im Oktober vergangenen Jahres erarbeitet und herausgegeben hat.

Die Broschüre enthält 38 Fragen und Antworten über die Auseinandersetzung um das Dorf, den energiewirtschaftlichen Hintergrund der Problematik, das Thema Umsiedlung sowie über die psychosozialen Belastungen der Menschen von Heuersdorf in der gegenwärtigen Situation. Sie soll zur Aufklärung und zur Erklärung unseres Standpunktes beitragen.

Die Broschüre ist kostenlos erhältlich und kann in der Gemeindeverwaltung Heuersdorf angefordert werden.

Umsiedlungs-Entschädigungen

Mibrag widerspricht der Staatsregierung

Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) will für die Umsiedlung von Heuersdorf keine 100 Mio. Mark zur Verfügung stellen. Auf dieses Thema angesprochen sagte ein Vertreter des Unternehmens am 19. März während der Pressekonferenz des "Für Heuersdorf e.V." im Dresdner Landtag vor Journalisten und Gästen: "Diese Zahl ist nicht von uns. Ich weiß nicht, wie die Staatsregierung auf diese Kalkulation kommt."

In den vergangenen Monaten hatten Vertreter der Staatsregierung mehrfach behauptet, die Heuersdorfer würden im Falle einer Umsiedlung "großzügig" entschädigt. So hatte Wirtschaftsstaatssekretär Vehse im letzten Konsensgespräch mit Vertretern der Gemeinde im März 1997 erklärt, die Summe von 100 Mio. Mark ergebe sich aus der "Zusammenrechnung aller Positionen des Heuersdorf-Vertrages". dr

Heuersdorf fordert neues Gutachten

Im Zusammenhang mit dem Angebot der Kirche zur Vermittlung eines Gespräches zwischen Heuersdorf sowie der Staatsregierung und der Mibrag über die Frage der Umsiedlung der Gemeinde hat Heuersdorf ein neues Gutachten über das Ausmaß aller entscheidungsrelevanten Veränderungen im Bereich der Energiewirtschaft in den letzten Jahren gefordert. Zur Erinnerung: Der Beschluß zur Devastierung des Dorfes beruhte im wesentlichen auf einer Prognose zur Wirtschaftsentwicklung und zum Energieverbrauch in Sachsen aus dem Jahr 1992. Diese Annahmen haben sich jedoch als völlig überzogen erwiesen. Das geforderte Gutachten soll daher aktuelle, korrigierte Daten zur erneuten Abwägung liefern.

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Stellungnahme des Sozial-Ethischen Ausschusses der Evangelisch-Lutherischen Landessynode Sachsens zu Heuersdorf vom 17.11.97 (Auszug)

1. Der Sozial-Ethische Ausschuß der Landessynode nimmt erneut mit Besorgnis Kenntnis von der geplanten Devastierung (= Verwüstung) des Ortes und der Kirchgemeinde Heuersdorf. ...

2. Unsere Kirche weiß sich der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet. Am Beispiel Heuersdorf wird uns schmerzlich bewußt, welch problematische Folgen der verschwenderische Umgang mit Energie in unserer Gesellschaft für Menschen und Natur hat. ... Im Zusammenhang mit möglichen Klimaveränderungen erscheint der Einsatz von Braunkohle auf Dauer besonders problematisch. ... Unter dem Gesichtspunkt einer Klimavorsorge-Politik ist die praktische Festlegung auf weitere 40 Jahre Braunkohlenutzung durch den Bau und Betrieb neuer Kraftwerke grundsätzlich kritisch einzuschätzen. Die Entscheidung über die Notwendigkeit einer Umsiedlung von Heuersdorf bedarf daher einer besonders sorgfältigen Güterabwägung. ...

3. Der Platz der Kirche ist an der Seite der Menschen von Heuersdorf, die daran leiden, daß ihnen im Interesse der Allgemeinheit ein schweres Opfer abverlangt werden soll. Den Menschen in Heuersdorf gilt besonders in diesem Konflikt unsere Zuwendung und Solidarität. Solange keine rechtskräftige Entscheidung gefallen ist, muß das Leben in Kommune und Kirchgemeinde gefördert werden und weitergehen. Insbesondere ist derzeit der Gefahr eines demoralisierenden Abbruchs von Gebäuden im Ort zu wehren.

4. Über die Notwendigkeit der Umsiedlung kann nur in Abwägung aller vorgelegten Sachargumente in einem demokratisch legitimierten Verfahren und im Gespräch mit allen Beteiligten entschieden werden. Auf der Suche nach einer für alle beteiligten Parteien tragfähigen Entscheidung über die Notwendigkeit der Umsiedlung von Heuersdorf erscheint es uns dringend erforderlich, daß wieder ein normales Gespräch über strittige Fragen stattfindet: Zur Stichhaltigkeit der energiepolitischen und energiewirtschaftlichen Argumente, zu Entschädigungsfragen, zur psycho-sozialen Belastung der Einwohner, zur Einbeziehung der Kommune Heuersdorf bei der Erarbeitung von vertraglichen und gesetzlichen Regelungen. ... Wir bieten für ein solches Gespräch kirchliche Vermittlung an.

Stellungnahme des Bürgermeisters von Heuersdorf, Horst Bruchmann, zur Verabschiedung des "Heuersdorf-Gesetzes" am 19.3.98 im Sächsischen Landtag (Auszug)

Mit dem heutigen Beschluß des "Heuersdorf-Gesetzes" hat der Sächsische Landtag über das Schicksal von 300 Bürgerinnen und Bürgern sowie die Auflösung der Gemeinde Heuersdorf entschieden, ohne sich auch nur im Geringsten um den Willen dieser Menschen zu kümmern. Die meisten Abgeordneten haben sich bei ihrer Entscheidung an den Darstellungen der Wirtschaft und der starken wirtschaftlichen Zwängen unterliegenden Staatsregierung orientiert. Die Heuersdorfer empfinden dies als Mißachtung ihrer Rechte, weil

1. vor der zu treffenden Entscheidung im Landtag eine zeitnahe, erneute Prüfung der energiewirtschaftlichen Notwendigkeit der Maßnahme unterblieb, obwohl ... die Energiewirtschaft gegenüber 1993 erheblichen Marktveränderungen gegenübersteht,

2. mit dem Gesetz die Umsiedlung der Gemeinde angeordnet wurde, ohne umfassende Umsiedlungsregularien zu treffen,

3. die Bürger nicht gehört wurden, ob sie im Umsiedlungsfall eine geschlossene Umsiedlung nach Regis-Breitingen überhaupt akzeptieren,

4. gegen den Willen fast aller Heuersdorfer eine Eingliederung in die Stadt Regis-Breitingen verfügt wird. Die Bürger haben sich bereits seit längerem für eine Eingliederung in die Gemeinde Deutzen entschlossen.

Für die Heuersdorfer kommt dieses Gesetz einer Bestrafung gleich, weil sie nicht bedingungslos der verlangten Umsiedlung zustimmen. Ich verurteile diese Verfahrensweise aufs Schärfste. Sie erweckt in einem Ostdeutschen bittere Erinnerungen...

Aus der Predigt von Curt Stauss zur Eröffnung des Kirchentages am 18.6.97

"Energie schafft Arbeitsplätze". Mit diesem Satz haben Politiker und Energieerzeuger für ihr Vorhaben geworben. Der Satz stimmt - aber er muß weiter gehen: Energie schafft Arbeitsplätze - und verbraucht Zukunft! ... Ökologisch und sozial wird verwüstet, was in Jahrhunderten gebaut wurde bzw. gewachsen ist. ... Hinter dem Nein zur Vernichtung von Heuersdorf steht ein größeres Ja: Zu einem zukunftsfähigen, nachhaltigen Wirtschaften zur Schonung der Ressourcen, zur Erhaltung einer alten dörflichen Kultur, zu den Lebensmöglichkeiten unserer Enkel. ...

+ KURZ BERICHTET +

BUND unterstützt Heuersdorf

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Sachsen, will Heuersdorf künftig noch stärker beistehen. Die Delegiertenversammlung des Landesverbandes hat am 7. März beschlossen, die Gemeinde bei einer Beschwerde bei der EU-Kommission in Brüssel in Form eines Rechtshilfefonds zu unterstützen. Die Beschwerde Heuersdorfs richtet sich gegen die unerlaubte Subventionierung der Braunkohle in Ostdeutschland.

"Umfahrung ist technisch möglich"

In einem Gespräch mit der in Hamburg erscheinenden Wochenzeitung Die Woche hat der Mibrag-Geschäftsführer Gerd Spaniol zugegeben, daß eine Umfahrung Heuersdorfs durch den Braunkohle-Tagebau "technisch kein Problem" wäre (Die Woche, 1.8.97). Diese Aussage bekräftigte er noch einmal gegenüber der Leipziger Volkszeitung (4.9.97).

Statt 10.000 nur noch 4500 Jobs Durch den Kraftwerksneubau in Lippendorf sollen im Leipziger Südraum rund 4500 Arbeitsplätze geschaffen werden. Das sagte der sächsische Wirtschaftsminister Schommer laut einer Meldung der Leipziger Volkszeitung vom 12.3.98 in der Antwort auf eine Anfrage der Landtagsabgeordneten Andrea Roth (PDS). Schommer mußte einräumen, daß die "betroffenen Unternehmen die Zahl der geplanten Arbeitsplätze reduziert haben." Vor wenigen Jahren noch war von 10.000 neuen Jobs im Kraftwerk, in der Braunkohle-Förderung und in Zulieferbetrieben geschwärmt worden.

Rund 2500 Besucher bei der 700-Jahr-Feier

Daß die Heuersdorfer und ihre Freunde nicht nur zu kämpfen, sondern auch zünftig zu feiern verstehen, bewies die 700-Jahr-Feier vom 26. bis 29. Juni vergangenen Jahres. Insgesamt rund 2500 Besucher kamen an den vier Festtagen nach Heuersdorf, und so manche(r) von ihnen sprach den Gastgebern Mut zu für ihren Kampf gegen die Vernichtung ihres Heimatdorfes.

Besondere Aufmerksamkeit galt dem historischen Festumzug durch die Gemeinde am Samstag nachmittag. Der Umzug, an dem nahezu alle Heuersdorfer beteiligt waren, bot ein buntes Bild der Geschichte der Gemeinde. Mit historischen Trachten und Kostümen und allerlei Requisiten machten die "Umzügler" verschiedene Epochen aus der Dorfgeschichte wieder lebendig und zeigten viele Facetten des Lebens hier. Ausführlich informierte darüber hinaus eine Ausstellung im Sportlerheim über die Geschichte der Gemeinde Heuersdorf.

Auch in diesem Jahr

Vereinsfest in Heuersdorf

Auch in diesem Jahr soll es wieder ein Vereinsfest in Heuersdorf geben. Der Vorstand hat sich in seiner Sitzung im Januar auf den 11. Juli als Termin des Festes geeinigt. Die Mitglieder des "Für Heuersdorf e.V." sind schon jetzt herzlich eingeladen. Geplant ist, das Fest wieder zünftig auszugestalten. Einzelheiten zum Ablauf werden noch rechtzeitig bekanntgegeben.

Der Geselligkeit soll auch der Vereins-Stammtisch dienen, der künftig jeweils am ersten Dienstag jedes Monats abends in der "Glocke" stattfinden soll. Eingeladen sind alle Heuersdorfer, alle Vereinsmitglieder und alle weiteren Interessierten. Der Stammtisch soll dem gemütlichen Meinungs- und Gedankenaustausch sowie dem geselligen Beisammensein dienen.

Unter den zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen seien die Festgottesdienste am Sonntag vormittag in den beiden Heuersdorfer Kirchen hervorgehoben. Zunächst wurde, unter großer Beteiligung von Heuersdorfern und Gästen, ein Gottesdienst in der Taborkirche abgehalten. Dem schloß sich ein Zug der Kirchgemeinde zur Emmauskirche an, wo ein weiteres Mal für den Erhalt Heuersdorfs gebetet wurde.

Keinesfalls war die 700-Jahr-Feier - wie mancher unserer Gegner vielleicht angenommen hat - die letzte in Heuersdorf, sozusagen der Abgesang auf das Dorf. Sie hat deutlich gemacht, daß die Heuersdorfer trotz vieler Sorgen und Nöte noch zu feiern verstehen, und sie hat die Zuversicht gestärkt, daß es auch eine 750- und eine 800-Jahr-Feier geben wird - den Devastierungs- und Umsiedlungsplänen zum Trotz!

Dirk Reinhardt