Zur Bedeutung der Taborkirche in Heuersdorf / Großhermsdorf

Heinrich Magirius

anlässlich der Protestveranstaltung am 22.11.2008

Während die kleine Emmauskirche zu Heuersdorf, ehemals Filialkirche von Breunsdorf, für wert gehalten worden ist, als Bau nach Borna übertragen und damit vor dem Abriss durch den Braunkohlentagebau bewahrt zu werden, steht der Pfarrkirche des benachbarten Heuersdorf/Großhermsdorf bevor, vollständig abgebrochen zu werden. Archäologische und historische Untersuchungen werden hoffentlich klären können, warum die dicht beieinander liegenden Kirchen von Großhermsdorf, einem Weiler mit ehemaligem Rittergut, und von Heuersdorf, einem kleinen Straßendorf, historisch nicht miteinander in Verbindung gestanden haben. Gewiss waren dabei ins Mittelalter zurückgehende Herrschaftsverhältnisse maßgebend. Hier geht es aber um die Frage: Ist die Kirche von Großhermsdorf wirklich weniger wert als die von Heuersdorf? Die Frage ist eindeutig mit „Nein“ zu beantworten. Die Heuersdorfer Kirche ist eine kleine, in der äußeren Erscheinung im Zustand des 13. Jahrhunderts erhaltene Kapelle, die Taborkirche von Großhermsdorf ein 1866 nach Plänen des Leipziger Architekten Ernst Wilhelm Zocher errichteter Bau. Sein Vorgängerbau, der in der Alten Sächsischen Kirchengalerie abgebildet ist, sah der Heuersdorfer Kirche sehr ähnlich. Es war ein Saalbau mit eingezogenem, platt geschlossenem Chor und besaß einen spitzen Dachreiter. Seine Maße werden mit 24 Ellen Länge und 11 Ellen Breite angegeben, die Kirche war also nicht wesentlich größer als die von Heuersdorf. So ist es sehr wahrscheinlich, dass dieser ältere Kirchenbau ebenfalls im 13. Jahrhundert entstanden ist. Als Grund für den Neubau von 1866, in den vielleicht bestimmte Teile des Vorgängerbaus einbezogen worden sind, wird in der Neuen Kirchengalerie der beabsichtigte Bau eine neuen Orgel durch die Firma Gotthilf Bärmig in Werdau angegeben. Die geplante neue Orgel passte nicht in den alten Bau. Obwohl ein Rittergutsbesitzer in Großhermsdorf den Kirchenbau unterstützte, war die Kirchgemeinde eigentlich mit dem Neubau überfordert. Wenn man das Lebenswerk Zochers als Kirchenbaumeister überblickt, erkennt man an dem Neubau seine Bemühung um Beschränkung auf das Wesentliche. Eigentlich war Zocher stets bemüht, seine Kirchen mit massiven Türmen zu versehen. Wenn er in Großhermsdorf einen Dachreiter gewählt hat, dann sicher aus Ersparnisgründen. So ähnlich sah die Kirche ja "schon immer" aus. Wichtiger war Zocher und der Gemeinde offenbar ein vom Schiff abgeteilter, aber durch einen Halbrundbogen mit demselben verbundener, polygonal geschlossener Altarraum. Damit wird der sakramentale Charakter des Chors gegenüber dem mit einer Empore versehenen Schiff betont. Die Detailformen von Zochers Neubau sind romanisch, gehalten in einem der mittelalterlichen Stile, die der Architekt ebenso beherrschte wie die gotischen Bauformen, denn er hatte auf Studienreisen, die er durch Böhmen, Österreich, Italien, das Rheinland, Belgien und Frankreich gemacht hatte, große Erfahrung in der Handhabung historischer Stile gesammelt. Sie treten an den Bauten Zochers, der ein Schüler des Leipziger Architekten Albert Geutebrück und 1863 - 1876 wie dieser vorher selbst Leiter an der Baugewerkeschule in Leipzig war, sehr deutlich in Erscheinung. Obwohl historistisch, ist seine Architektur vor allem an einer zweckmäßigen und schönen Durchbildung orientiert und eigentlich mehr dem Spätklassizismus verpflichtet. In diesem Sinne ist der schlichte und lichte Kirchenraum von Großhermsdorf von besonderer liebenswürdiger Intimität. Durch farbige Glasfenster von 1882 wird die Sakralität des Altarraums verstärkt.

Da das Lebenswerk von Zocher durch Kriegszerstörungen, aber auch durch Besserwisserei von Architekten der Nachkriegsgeneration dezimiert ist, muss man den drohenden Verlust der Taborkirche besonders bedauern. Unter den sieben noch mehr oder weniger gut erhaltenen Kirchenbauten Zochers ist die Großhermsdorfer Kirche diejenige, die in ihrer maßvollen Schlichtheit am meisten von ihrem dörflichen Charakter bewahrt hat.