DAVID UND GOLIATH

Das Heuersdorfer Denkmal “David und Goliath” wurde im September 1996 von Bündnis 90 / Die Grünen (Leipzig) gestiftet.


Heuersdorf liegt am südöstlichen Rand des 1999 aufgeschlossenen Tagebaus “Vereinigtes Schleenhain”, in dem bis Ende 2039 rund 434 Millionen Tonnen Rohbraunkohle für die Brennstoffversorgung des Kraftwerks Lippendorf gewonnen werden sollen.

In einem Schreiben der Vereinigte Energiewerke AG (Veag) wurde zwar am 02. März 1994 erklärt, dass die Aufrechtererhaltung des mitteldeutschen Reviers ursprünglich “unter dem Gesichtspunkt der Wettbewerbsfähigkeit, bedingt durch die im Vergleich zur Lausitz geringen, wirtschaftlich förderbaren Kohlevorräte, mit kostenträchtigem hohem Schwefelgehalt, nicht zukunftsweisend” erschien. Zur Erhaltung von Arbeitsplätzen wurde jedoch der Bau des Kraftwerks beschlossen. Im Privatisierungsvertrag hatte sich die Mibrag zu “insgesamt 2100” Arbeitsplätzen im mitteldeutschen Raum verpflichtet.

Die Bergbauplanung erfolgt durch den Regionalen Planungsverband Westsachsen, der unter anderem die Umsiedlung einzelner Ortschaften festlegt. Breunsdorf, der nördliche Nachbarort von Heuersdorf, wurde 1995 von der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) abgetragen, um dort den Kohlenabbau zu ermöglichen. Nachdem dieser Bereich ausgekohlt worden ist, wird die Ortslage von Heuersdorf schrittweise überbaggert.

 US FLAG DISTRESS Angesichts der zwei amerikanischen Mutterkonzerne der Mibrag wehte jahrelang in Heuersdorf eine US-Flagge mit dem blauen Feld nach unten. Im Heimatland des “Sternenbanners” wird dadurch entsetzliche Bedrängnis in Fällen extremer Gefährdung von Eigentum (dire distress in instances of extreme danger to property) gemäß der US-Fahnenverordnung (flag code) signalisiert. Die Mibrag wird nun seit September 2008 zum Verkauf angeboten.

Das Sächsische Kabinett hatte bereits am 15. März 1994 beschlossen, die Braunkohle unter Heuersdorf für die Brennstoffversorgung des Kraftwerks Lippendorf vorzusehen. Nach Angabe der Staatsregierung lagern unter Heuersdorf “50 Millionen Tonnen Braunkohle, südwestlich daran angrenzend weitere 43,8 Millionen Tonnen”. Allgemein wird von 52 Millionen Tonnen Rohbraunkohle ausgegangen, die im Falle einer vollständigen Erhaltung der Gemeindefläche nicht abgebaut werden könnten. BRAUNKOHLEABBAUPLANDer Bereich um Heuersdorf wurde vom Bergbau erstmals 2006 berührt und soll nun bis ca. 2014 gänzlich abgebaggert werden. Doch aus verschiedenen Gutachten sowie aus Eigenberechnungen geht hervor, dass bei einer engen bergbaulichen Umfahrung der besiedelten Ortsteile gemäß dem neuen Heuersdorf-Vertrag in Verbindung mit dem 2005 überarbeiteten Braunkohlenplan der effektive Braunkohlenverlust nur noch etwa 10 Millionen Tonnen betragen würde. Dieser Fehlbetrag ließe sich im Kraftwerk Lippendorf durch die inzwischen aufgenommene Zufeuerung von biogenen Brennstoffen völlig ausgleichen. Da jedoch solche CO2-verminderte Verbrennungstechnik hier und in vielen weiteren Stromkraftwerken nicht eingerichtet wird, steht die Erfüllung von inernationalen Verpflichtungen zur Reduzierung von Treibhausgasen zunehmend in Frage.

Da alle Bergbauinvestitionen und politischen Entscheidungen unter der Annahme einer Umsiedlung der Gemeinde erfolgt sind, war der beachtliche Erhaltungszustand von Heuersdorf allein der Entschlossenheit seiner Bürger und Mitstreiter zu verdanken.

In früheren Jahrhunderten bildete die landwirtschaftlich geprägte Flussauenlandschaft um Heuersdorf herum einen Teil der “Gemüsekammer Leipzigs”. Doch seit dem Ersten Weltkrieg war die Gemeinde vom heranrückenden Bergbau bedroht, welcher in der Region Halle/Leipzig/Bitterfeld die Grundlage der großtechnischen Stromerzeugung und Karbochemie bildete.HANDSCHLAG CHEMIE Sowohl das Dritte Reich als auch die Deutsche Demokratische Republik waren im hohen Maße auf die Aufrechterhaltung eigenständiger Versorgungskapazitäten als Bestandteil ihres ideologischen Ausschließkeitsanspruchs angewiesen. Die vorrangige Nutzung der heimischen Braunkohle entsprach in materieller und auch gesellschaftspolitischer Hinsicht diesem Sinnbild.

Mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 wurde jedoch diese autarke Wirtschaftsführung durch den Prozess der internationalen Arbeitsteilung auf der Grundlage einer erweiterten Rohstoff- und Energiebasis abgelöst. Angesichts des damit einhergehenden industriellen Rückgangs in Ostdeutschland und des Stromüberflusses auf dem liberalisierten Energiemarkt besteht keine Notwendigkeit mehr zur bergbaubedingten Vernichtung von Siedlungsräumen.

Trotzdem beschloss der Sächsische Landtag 1998 wegen des anhaltenden Mangels an regionalen Beschäftigungsalternativen die Eingliederung von Heuersdorf nach der Stadt Regis-Breitingen “zum Zwecke der Rohstoff- und Energieversorgung (Braunkohleabbau)” - so § 1 des Heuersdorf-Gesetzes vom 08. April 1998. Die Eingemeindung wurde am 01. Januar 1999 wirksam.

HEIMATKLAUDer für eine eine bergbaubedingte Umsiedlung vorgesehene “Heuersdorf-Vertrag” war bereits unter Ausschluss der Gemeinde von der Sächsischen Staatsregierung und der Mibrag formuliert und am 19. Juni 1995 vorgelegt worden. Er wurde von Heuersdorf nicht unterschrieben, da die energiewirtschaftliche Notwendigkeit einer Umsiedlung nicht nachgewiesen werden konnte. Die Entschädigungsregelung des Vertrags kommt nach Aussage von Mibrag und Staatsregierung in den einzelen Umsiedlungsfällen zur Anwendung (siehe hierzu Umsiedlungsproblematik).

Im Juli 1998 leitete Heuersdorf beim Sächsischen Verfassungsgerichtshof ein Normenkontrollverfahren gegen das Heuersdorf-Gesetz ein, in dem u. a. auf die verfehlten Prognosengrundlagen der Landesenergiepolitik hingewiesen wurde. Am 14. Juli 2000 erklärte der Verfassungsgerichtshof das Heuersdorf-Gesetz für “unvereinbar” mit Art. 88 Abs. 1, 2 der Sächsischen Verfassung und damit “nichtig” (Vf. 40-VIII-98). Die gesetzgeberische Energieprognose sei “defizitär” (2.6.4.3). Mit der Urteilsbegründung wurde der von Heuersdorf vertretene Standpunkt bestätigt. Die Eingemeindung nach Regis-Breitingen wurde aufgelöst. Heuersdorf erlangte mit Wirkung vom 01. Oktober 2000 seine kommunale Selbständigkeit wieder. Bei den sächsischen Kommunalwahlen am 10. Juni 2001 wurde Bürgermeister Horst Bruchmann für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt und ein vollzähliger Gemeinderat mit acht Mitgliedern wieder eingeführt. Auf Antrag der Gemeinde Heuersdorf wurde am 12. November 2003 der Braunkohlenplan des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain vom Sächsischen Oberverwaltungsgericht für nichtig erklärt (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 141).

Am 27. November 2003 brachte die Sächsische Staatsregierung den Entwurf eines neuen Heuersdorf-Gesetzes in den Sächischen Landtag ein. Das Gesetz wurde am 22. April 2004 verabschiedet und trat am 28. Mai in Kraft. Die angeordnete Eingliederung nach der Stadt Regis-Breitingen wurde am 01. Oktober 2004 wirksam. In seiner letzten Sitzung eine Woche zuvor hatte der Gemeinderat Heuersdorf beschlossen, ein Normenkontrollverfahren gegen das neue Gesetz zu beantragen. Die Klage der Gemeinde wurde jedoch am 25. November 2005 vom Sächsischen Verfassungsgerichtshof ohne Berufungsmöglichkeit zurückgewiesen. Die Auflösung des Ortes und die Umsiedlung seiner Bevölkerung wurden dadurch besiegelt.

HEUERSDORF STATT REGIS-BREITINGENZum Zeitpunkt der Eingemeindung nach Regis-Breitingen wurden die Ortschilder von unbekannter Hand enfernt, so dass Ortsfremde das Dorf nicht mehr erkannten. Nach mehrfachen erfolglosen Ermahnungen an den Stadtrat zur angemessenen Kennzeichnung von Heuersdorf wurde am 25. Februar 2005 ein eigenes Ortseingangsschild errichtet, das zugleich die anhaltende Abwehrhaltung gegenüber der Zwangseingliederung zum Ausdruck brachte. Auch nach dem abschlägigen Gerichtsurteil bestand bei der Mehrheit der verbliebenen Bevölkerung keine Absicht, auf das in Regis-Breitingen vorgesehene, durch Braunkohlen-Schwelereireststoffe aus dem zweiten Weltkrieg belastete Wohngebiet umzusiedeln. Statt dessen sind nunmehr zwei weitere Standorte im Ortsteil Hagenest und in der Stadt Frohburg dafür vorgesehen.

VERLORENE ORTEIn dieser Region gibt es bereits zahlreiche “verlorene Orte”, die dem Braunkohlebergbau zum Opfer gefallen sind. Mit ausreichend staatspolitischer Vernunft hätte das 700 Jahre alte Heuersdorf der Nachwelt erhalten bleiben können. Eine Studiengruppe erarbeitete dazu die Vision einer Dorferneuerung , die aber mit dem Abbruch einer zunehmenden Anzahl von Wohngebäden durch die Mibrag wohl nicht mehr umgsetzt werden kann.

In Heuersdorf haben zahlreiche Veranstaltungen zu aktuellen energiewirtschaftlichen Themen stattgefunden. Von besonderer Bedeutung dabei waren die Dritte Klimakonferenz der Jugend im März 2001 und der Zweite Landesenergiekongress der PDS Sachsen im März 2002.

Die kulturhistorische Bedeutung des Ortes findet anhaltende internationale Anerkennung. Der Beitrag “Historic Heuersdorf” in der Ausgabe 2004/2005 von “Heritage at Risk” des International Council on Monuments and Sites stellt ein Beispiel für die weltweite Gefährdung von Kultürstätten durch den Abbau von Bodenschätzen dar. Heuersdorf zählte im Juli 2005 zu den Begegnungsstandorten für israelische, deutsche und palästinensische Künstlerinnen und Künstler im Rahmen des Programms “Das Vermögen der Kunst”, das gemeinsam von der Kulturstifung des Bundes und dem Goethe-Institut Tel Aviv gefördert wird.

Heuersdorf verstand sich schon immer als Wirtschaftsstandort, an dem Konzepte für eine sozial- und umweltverträgliche Energiewirtschaft entwickelt und weiterverbreitet werden sollten. Hierzu berief sich der Ort auf den wissentschaftlichen Erkenntnisstand über den Klimawandel, das Ausbaupotential regenerativer Energietechnik sowie alle ungenutzten Möglichkeiten zur Energieeinsparung. Anstelle einer uneingeschränkten Braunkohlenutzung bis 2040 könnte dieser fossile Brennstoff schrittweise durch umweltschonende Energietechnik abgelöst werden. Heuersdorf entwickelte sich hierzu ansatzweise zum Solardorf.

WEGWEISER

Einwohnerzahl

EINWOHNERZAHL

Daten über Heuersdorf

Nach der Aufhebung des Heuersdorf-Gesetzes durch den Sächsischen Verfassungsgerichtshof hat die Gemeinde Heuersdorf am 01.10.2000 ihre kommunale Selbstständigkeit wiedererlangt. Die Wiedereingliederung nach Regis-Breitingen zum 01.10.2004 wurde im zweiten Heuersdorf-Gesetz angeordnet, das am 25.11.2005 vom Sächsichen Verfassungsgerichtshof bestätigt worden ist.

ehemaliger Bürgermeister: Horst Bruchmann

Rechtsnachfolgerin: Stadt Regis-Breitingen

Vereinsvorsitzender “Für Heuersdorf e. V.”: Bernd Günther

Pressesprecher: Dirk Reinhardt

Webmaster: Jeffrey Michel

Bundesland: Freistaat Sachsen

Regierungsbezirk: Leipzig

Planungsgremium: Regionaler Planungsverband Westsachsen

Einwohnerzahl: 0 (Stand: 30.06.2009; 347 im Jahre 1990)