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Ein Dorf im Leipziger Südraum
verliert seine Existenz


Landschaft Heuersdorf

Die historisch einmalige Ortschaft Heuersdorf südlich von Leipzig ist wegen des Braunkohle-Tagebaus Vereinigtes Schleenhain zum Betrieb des Kraftwerks Lippendorf überbaggert worden. Die Sächsische Staatsregierung und die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) haben die bergbauliche Inanspruchnahme des Dorfes durchgesetzt, in dem bis vor kurzem die aus dem 13. Jahrhundert stammende Emmauskirche, die Taborkirche im Ortsteil Großhermsdorf sowie zahlreiche Wohngebäude unter Denkmalschutz gestanden haben. Der Ort wurde bis Mitte 2009 abgesiedelt und anschließend zerstört.

Am 15. August 2008 gab Horst Bruchmann, der seit 1992 in Heuersdorf als Bürgermeister gedient hat, gegenüber der Tageszeitung Die Welt zu Protokoll: “Ich bleibe dabei, die Umsiedlungen sind Verbrechen!” Hier auf Heuersdorf Online werden die dahinter stehenden Umstände mit Analysen, Zitaten, Kommentaren und Originalschriften dokumentiert.

 WindmühleHeuersdorf überstand Epidemien, Kriege, Plünderungen, Brände und zwei Diktaturen. Doch die Heuersdorfer mussten sich erst nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 mit einer unmittelbar drohenden Zerstörung ihres Ortes durch den Abbau von Braunkohle auseinandersetzten. Dieser Bodenschatz stellte für die arbeitende Bevölkerung des 20. Jahrhunderts einen befristeten Segen dar. Wo aber heute die Braunkohle liegt, wird eine ganze Region in Geiselhaft genommen. Im Leipziger Südraum liegt die Arbeitslosigkeit weit über dem Landesdurchschnitt. Der Wegzug junger Menschen hält unvermindert an.9. Gebot Der Angebotspreis von Immobilien liegt bedeutend unter dem Wert vergleichbarer Objekte in anderen Regionen, was auch Investitionen in Erneuerung und Ausbau zu einer risikobehafteten Unternehmung macht. Für die Natur- und Kulturlandschaft ist der Bergbau zum ewigen Fluch geworden.

Die auf dem 37. Parteitag der CDU 1989 in Bremen beschlossene Verpflichtung zur Wahrung der Schöpfung hat den Raubbau an der natürlichen Umwelt und an Kulturgütern nicht aufgehalten. Die Energiepolitik dieser angeblich christlich geprägten Partei verstößt dabei gegen das biblische Verbot des Begehrens, bei dem die Inanspruchnahme jeglichen Fremdeigentums untersagt wird. Klimafreundliche Ersatztechnologien nehmen dabei einen untergeordneten Stellenwert bei einer zwischen Politik, Gewerkschaft und Unternehmen gegenseitig abgestimmten Strategie der Machtsicherung ein.

Die Bevölkerung von Heuersdorf ist an mehrere unterschiedliche Standorte umgesiedelt worden. Ihre Entschädigung erfolgte nach Richtwerten aus 1995, dem Jahr des Heuersdorf-Vertrags. Dieser sah keinen finanziellen Ausgleich für die seitherige Inflationsentwicklung sowie für zwei Mehrwertsteuererhöhungen vor. Die Menschen wurden zudem zur unentgeltlichen Abwicklung ihrer Umsiedlung - was zusammengerechnet mehrere Arbeitsmonate beanspruchen kann - im Widerspruch zu Artikel 12 Abs. 2 & 3 des Grundgesetzes genötigt.

Diese Missstände lassen sich nur durch eine Revision des Bundesberggesetzes beheben, das 1980 unter dem Eindruck des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan zur Stärkung der nationalen Energiesicherheit formuliert wurde. Der Bundesdelegiertenkongress von Bündnis 90/Die Grünen hat eine Reform des Gesetzes als politisches Ziel beschlossen. Weitere Parteien mögen diesem Beispiel folgen.

Am 25. Oktober 2007 ist die Emmauskirche aus Heuersdorf nach der Kreisstadt Borna umgesetzt worden. Alle sonstigen Bauten werden im Vorfeld der Abbaggerung zerstört. Ehemalige OrtschaftZur Produktion von elektrischem Strom und bis vor wenigen Jahren auch Braunkohlenbriketts sind bereits zahlreiche Orte und Ortsteile unwiederbringlich verwüstet worden. Dieses Schicksal hätte Heuersdorf erspart bleiben können. Anfang 2003 wurde mit dem neuen Heuersdorf-Vertrag ein Kompromissvorschlag zur Erhaltung der Ortschaft unterbreitet. Diese Regelung sah die Freigabe einer erheblichen Gemarkungsfläche für den Braunkohlenabbau bei Erhaltung der besiedelten Dorfteile vor. Der verbleibende Kohleverlust von weniger als 25 Millionen Tonnen wäre durch die Modernisierung der drei betriebseigenen Krafwerke der MIBRAG auszugleichen gewesen, deren niedriger Wirkungsgrad einen anteiligen Kohlemehrverbrauch in der gleichen Großenordnung versachen. Durch diese Lösung hätt Heuersdorf mit seinen architektonischen Zeugnissen aus sieben Jahrhunderten nicht zerstört werden müssen. Eine vorzeitige Umstellung des Kraftwerks Lippendorf auf CO2-reduzierte Energieträger oder gar eine Stilllegung der Anlage ist ohnehin aus Klimaschutzgründen nicht auszuschließen. Eine nachträliche Ausrüstung mit Technologien zur CO2-Emissionsabscheidung (CCS) wäre indes voraussichtlich teuerer, als der Ausbau der erneuerbaren Energien.

BaggerstopMit seinem Urteil vom 14. Juli 2000 über das Heuersdorf-Gesetz hat der Sächsische Verfassungsgerichtshof die von der Sächsischen Staatsregierung vorgetragenen Begründungen für die bergbauliche Inanspruchnahme des Dorfes als unzureichend zurückgeweisen. Heuersdorf und LippendorfHierzu stellte das Gericht fest: “Ein erhöhter Stromverbrauch in Ostdeutschland – der zudem zwischen den Gutachtern in hohem Maße umstritten war – schlägt sich nicht notwendig als Erhöhung des Stromabsatzes der VEAG nieder. An entscheidender Stelle fehlt daher der Prognose, die die Inanspruchnahme von Heuersdorf rechtfertigen soll, ein unentbehrliches Zwischenglied.” Die Gemeinde Heuersdorf erlangte durch das Urteil ihre zuvor entzogene Eigenständigkeit wieder. Der Gemeinderat setzte sich weiterhin für die Erhaltung der Ortschaft ein und beantragte ein Normenkontrollverfahren gegen den Braunkohlenplan des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain. Am 12. November 2003 wurde der Plan vom Sächsischen Oberverwaltungsgericht für nichtig erklärt. Der Tagebaubetrieb wird deshalb bis heute ohne gesicherte Rechtsgrundlage und ohne Umweltverträglichkeitsprüfung weitergeführt. Der Sächsische Staatsregierung hat ungeachtet des fehlenden Braunkohlenplans am 27. November 2003 den Entwurf eines neuen Heuersdorf-Gesetzes in den Landtag eingebracht. Am 22. April 2004 wurde das Gesetz mit der Mehrheit der CDU- und SPD-Fraktionen verabschiedet. Die Bürger von Heuersdorf wollten sich aber weiterhin mit allen gebotenen Rechtsmitteln für den Fortbestand ihrer Ortschaft einbringen. Am 11. November 2004 wurde ein Antrag auf Normenkontrolle gegen das Heuersdorfgesetz beim Sächsischen Verfassungsgerichtshof in Leipzig gestellt. Der Antrag wurde am 25. November 2005 zurückgewiesen. Während damit die Rechtsmittel der Gemeinde völlig ausgeschöpft waren, konnten die Privatbürger ab diesem Zeitpunkt eigene Klagen gegen ihre Enteignung führen. Diese Gelegenheit wurde aber in keinem Falle wahrgenommen, weil die Bergbaubetroffenen das damit einhergehende finanzielle Risiko nicht tragen konnten. Der Schutz des eigenen Eigentums kann ohnehin die bergbauliche Zerstörung des näheren Umfelds nicht verhindern.

Wanderer bei LeipzigVor 1990 waren 54.000 Menschen in der Braunkohlenindustrie des Leipziger Südraums tätig. Nur wenige von ihnen konnten im Neubaukraftwerk Lippendorf oder im Bergbau weiterbeschäftigt werden. In einer Debatte des Sächsischen Landtags über die Braunkohle-Strombedarfsprognose des Kraftwerkes Lippendorf stellte die Sächsische Staatsregierung 5.000 Arbeitsplätze in Aussicht. Demgegenüber wurde in der vom Kraftwerks-Betreiber Vattenfall Europe AG beauftragten Studie “Energie- und regionalwirtschaftliche Bedeutung der Braunkohle in Ostdeutschland” der Prognos AG im Jahre 2006 ermittelt, dass die Braunkohlenindustrie lediglich 813 Arbeitsplätze im Leipziger Land sichert. Bei der Regionalstelle Borna der Agentur für Arbeit waren andererseits über 7.000 Beschäftigungslose registriert. Diese Angabe stellte lediglich das Endergebnis nach Abzug aller Menschen dar, die wegen mangelnder Zukunftsperspektiven die Region für immer verlassen hatten. Es gibt im Umfeld des Braunkohlenbetriebs fast keine Arbeitsplätze im Bereich neuer Energietechnik. Braunkohlenlandschaft von Franziska HasseDie Eigentümer des Kraftwerks und der Mibrag bauen zwar Biomassenkraftwerke und Windkraftanlagen an anderen Standorten, doch in der Leipziger Region wird ein anhaltender energiewirtschaftlicher Rückstand gefestigt. Hierbei zählt das Leipziger Land zu den sonnenreichsten Gegenden Deutschlands, wie das durch den Ertrag der 2005 in Heuersdorf errichtete Photovoltaik-Anlage eindrucksvoll belegt wird. Zwei Großflächenanlagen in Espenhain (5 MW) und Borna (3,44 MW) stellen indes auswärtige Initiativen dar, an denen die Regionalbevölkerung nicht beteiligt ist.

Der Standpunkt von Heuersdorf zur Braunkohlenutzung zielt auf eine vorgezogene Energiewende im gesellschaftlichen Konsens. Durch eine unmittelbare Reduzierung der Kohlenverstromung könnten regenerative Energien ausgebaut, verbrauchsmindernde Innovationen gefördert und die Emission von Treibhausgasen verringert werden. Die heimischen Braunkohlenreserven würden über einen entsprechend längeren Zeitraum zur Verfügung stehen.

Eine Einschränkung der Kohlenuztung wäre bereits aus Gründen der ökologischen Vernunft erforderlich. Der Erdeaushub des Tagebaus “Vereinigtes Schleenhain” entspricht dem gut zwanzigfachen Volumen des 1869 fertigstellten Suezkanals. Die damit einhergehende Grundwasserabsenkung beeinträchtigt den regionalen Wasserhaushalt, der auch durch den prognostizierten Niederschlagsruckgang infolge des Treibhauseffekts gefährdet wird.

Eisschwund am NordpolSatellitenaufnahmen der NASA zeigen einen erheblichen Rückgang der arktischen Eisbedeckung. Als bedeutende Ursache dafür werden die steigenden Konzentrationen von Kohlendioxid und weiteren Treibhausgasen in der Erdatmosphäre angenommen. Die CO2-belastete Braunkohlenverstromung trägt überproportional zur Klimaerwärmung bei. Die Braunkohle liefert etwa 11 Prozent der Primärenergie in Deutschland, doch etwa 22 Prozent der energiebedingten Kohlendioxidemissionen werden dadurch verursacht. Das Kraftwerk Lippendorf ist die bundesweit siebtgrößte Einzelquelle von CO2.

Die internationalen Vereinbarungen Treibhausgasemissionen EU 2003zum Klimaschutz machen einen maßvollen Ressourcenverbrauch im Interesse kommender Generationen erforderlich. Es gibt keinen verantwortbaren Grund zur Zerstörung von Heimat und Natur, solange nicht alle wirtschaftlich vertretbaren Möglichkeiten zu deren Wahrung ausgeschöpft worden sind. Dieses Gebot wird durch die zunehmende Diskrepanz zwischen den Vorgaben des Kyoto-Protokolls zur Reduzierung von Treibhausen und der tatsächlichen Emissionsentwicklung bestärkt.

GRUSS AUS HEUERSDORF Die aus Gemeinwohlgründen gestellte Forderung nach einer Umsiedlung wird damit immer weniger einsichtig. Die Stromversorger planen auch den Bau zusätzlicher CO2-belasteter Kraftwerke, so bespielsweise am beachbarten Tagebau Profen sowie im sächsischen Boxberg. Die Regierungen sämtlicher Braunkohlenländer befürworten diese Vorhaben. Der geringe errechenbare Beitrag der Heuersdorfer Braunkohle zum deutschen Stromangebot wird durch diese neuen Kraftwerke nochmals verringert. Die Braunkohle unter den besiedelten Ortsteilen stellt ohnehin weniger als zwei Prozent der ausgewiesenen Mibrag-Vorkommen dar und ist auch aus volkswirtschaftlicher Gesamtsicht vernachlässigbar, weil die entsprechende Strommenge von den üblichen Spannungsschwankungen am öffentlichen Netz weit übertroffen wird. In Heuersdorf sind aber inzwischen schon nahezu alle Häuser abgebrochen worden.

Unter dem Umstand

• des globalen Klimawandels und
• der fehlenden Nutzung verfügbarer alternativer Technologien
steht die eingeleitete Abbaggerung von Heuersdorf im Widerspruch zum Artikel 10 Abs. 1 der Sächsischen Verfassung: “Der Schutz der Umwelt als Lebensgrundlage ist, auch in Verantwortung für kommende Generationen, Pflicht des Landes und Pflicht aller im Land. Das Land hat insbesondere den Boden, die Luft und das Wasser, Tiere und Pflanzen sowie die Landschaft als Ganzes einschließlich ihrer gewachsenen Siedlungsräume zu schützen. Es hat auf den sparsamen Gebrauch und die Rückgewinnung von Rohstoffen und die sparsame Nutzung von Energie und Wasser hinzuwirken.”

Ohne die Möglichkeit zu bilateralen Verhandlungsbedingungen bei Finanzierung von Gutachten durch Wirtschaft und Politik als Verursacher konnten die Heuersdorfer niemals zu ihren vollen Rechten gelangen. William Ewart Gladstone, britischer Premierminister von 1868 bis 1894 (mit Unterbrechungen), stellte zu einer solchen Taktik der Zermürbung durch Zeitverzug fest: “Die Gerechtigkeit, die hinausgezögert wird, ist die verweigerte Gerechtigkeit.”.

Der Verein “Für Heuersdorf e. V.” setzt deshalb auf eine breite Diskussion im Internet als Beitrag zu einer innovativen, umweltschonenden und zukunftsgerechten Energiepolitik. Aus der Einsicht in klimapolitische und menschliche Erfordernisse hätte die Heimat der Heuersdorfer erhalten bleiben können.

Wir laden Sie dazu ein:

Heuersdorf Aktuell

die laufenden Ereignisse im Pressespiegel Heuersdorf Aktuell zu verfolgen;

Kraftwerk Lippendorf

Hintergrundinformationen zum Kraftwerk Lippendorf abzurufen;

Chronik

die Chronik “700 Jahre Heuersdorf” zu lesen;

Horno

sich über die Lausitzer Braunkohle,
das vom Bergbau bedrohte, ökologisch wertvolle Lacomaer Teichgebiet,
das Lausitzer Trebendorf am Tagebau Nochten,
der Ort Mulknitz im Forst Hauptfeld nahe der polnischen Grenze,
die braunkohlenreiche Region Egelner Mulde bei Magdeburg,
die zur Abbaggerung vorgesehene Ortschaft Sössen mit weiteren Gemeinden am Standort eines neuen MIBRAG-Braunkohlekraftwerks
sowie die Mecklenburger Bürgerinitiative “Braunkohle nein!” zu informieren;

BUND

den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zu kontaktieren, bei dem Heuersdorf seit 1996 Mitglied ist;

IGBAUERNHAUS

die Arbeit der Interessengemeinschaft Bauernhaus beim Erhalt historischer Gebäude zu unterstützen;

Ecovast

europaweite Entwicklungskonzepte im ländlichen Raum von ECOVAST abzufragen;

Wegbeschreibung

Heuersdorf zu besuchen.



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