Das “Virtuelle Kraftwerk Heuersdorf”


Hintergrund

Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 ist die Stromwirtschaft in den neuen Bundesländern umfassend modernisiert worden. Die Braunkohlekraftwerke wurden mit Rauchgasfiltern ausgestattet, während neue Gaskraftwerke für die Strom- und Fernwärmeversorgung der Städte entstanden sind.

Die damalige Bundesregierung hat sich darüber hinaus auf eine weitere Generation von Großkraftwerken zur Verbrennung der heimischen Braunkohle festgelegt. Erhebliche Mengen dieses minderwertigen, aber zur Zeit noch reichlich vorhandenen Energieträgers werden im Tagebauverfahren gewonnen. Damit geht die Devastierung großer Landstriche und Siedlungsräume einher.

Verbleibende Skepsis

Nach den vorliegenden Abbauplänen soll die traditionsreiche Gemeinde Heuersdorf bei Leipzig abgebaggert werden, um 10 % der Braunkohle für das Neubaukraftwerk Lippendorf zu gewinnen. Für die Umsiedlung der Einwohner ist eine finanzielle Teilentschädigung vorgesehen.

Die Dorfbewohner sind zu diesem Opfer im Interesse der regionalen Entwicklung bereit, jedoch nur bei erwiesener energiewirtschaftlicher Notwendigkeit. Die Weigerung der Landesregierung um diesen Nachweis läßt das Kraftwerksprojekt in Anbetracht des liberalisierten Energiemarkts in Europa zunehmend fragwürdig erscheinen. Unter diesem Umstand wird der Verlust ihrer Heimat von den Heuersdorfern entschieden abgelehnt.

Die Braunkohlewirtschaft bleibt ohnehin wegen verlorener Entwicklungsalternativen sowie hoher CO2-Emissionen zum Nachteil des Klimaschutzes umstritten. Die Rationalisierung der Bergbau- und Kraftwerksbetriebe hat deren regionale Beschäftigungswirkung erheblich verringert.

Zukunftsorientierte Entscheidungen

Unabhängige Energieforscher haben auf die technisch mögliche Reduzierung geplanter Kraftwerkskapazitäten durch fortschrittliche Einspartechnik hingewiesen. Die deutsche Enquete-Kommission für den Klimaschutz stellte 1990 eine 30prozentige CO2-Minderung als bundesweites Einsparpotential fest.

Die erforderlichen CO2-Reduktionsstrategien wurden aber bislang von der Stromindustrie nicht umgesetzt. Der liberalisierte Energiemarkt in Europa wird auch weitere Verbrauchsanreize liefern, an denen der Klimaschutz letztlich scheitern könnte.

Die Energiewirtschaft hat den Aufbau einer innovativen Industrie als zukunftsgerechte Alternative kaum gefördert. Der Umsatz wird weiterhin durch den Verbrauch unersetzlicher Bodenschätze gesichert.

Wiedererlangung einer technischen Initiative

Die rasche Entwicklung der Informationstechnik als Möglichkeit zur Ressourceneinsparung ist bislang unterbewertet geblieben. Doch bereits vor einem halben Jahrhundert zeigte der Mathematiker Prof. Norbert Wiener (der "Vater" der Kybernetik), dass mit erhöhten Informationen eine Reduzierung des Energieverbrauchs möglich ist.

Damals leisteten elektronische Großrechner weniger als ein heutiger Taschenrechner. Erst vor kurzem ist durch die vernetzte Computertechnik eine breite Beeinflussung des Energieverbrauchs möglich geworden.

Die neuen Bundesländer bieten hierzu besonders gute Voraussetzungen:

Die Telekommunikations-Infrastruktur ist seit der Wiedervereinigung grundlegend modernisiert worden.

Umfangreiches Datenmaterial über kosteneffektive Energiesparstrategien liegt ebenfalls vor.

Die Erzeugung virtueller Leistung

Innerhalb weniger Jahre wird jeder Heimfernseher wie ein Computer bedient werden können. Spezielle TV-Adapterkästen für den Anschluß zum Internet sind bereits erhältlich. Bürorechner und viele Heim-PC's besitzen diese Vernetzungsfähigkeit ab Werk.

Ein freiwilliger Datenaustausch am Internet über den Energieverbrauch (sowie über Wasser- und Abwassergebühren, Abfallentsorgung, usw.) ist daher schon möglich. Neue Studien haben überraschende Verbrauchsunterschiede – mit Unterschieden bis um den Faktor 4 - zwischen einzelnen privaten bzw. gewerblichen Kunden in der gleichen Tarifgruppe (manchmal sogar im gleichen Gebäude) belegt.

Erscheint einem Nutzer diese Information am Bildschirm, wird er vor jedem überhöhten Energie- bzw. Ressourcenverbrauch gewarnt. Korrekturen können mit Hilfe praktischer Hinweise am Schirm vorgenommen werden. Eine Checkliste enthält technische Einzelheiten über richtiges Einsparen.

Mit diesem System werden unnötig viele Energiemengen immer signalisiert. Die Korrekturen können entweder von Hand (z. B. durch das Ausschalten von Lampen) oder auch automatisch (Drosselung der Heizung in Räumen ohne Licht) durchgeführt werden. In allen Fällen wird aber die Energiebilanz durch eine Informationsübertragung verbessert - wie von Prof. Wiener vorhergesagt.

Eine unwirkliche oder "virtuelle" Leistung entsteht somit aus dem Ersatz von überflüssiger Energie durch rückgekoppelte Informationen über den tatsächlichen Energiebedarf. Durch die konsequente Anwendung dieses Verfahrens können Ressourcen eingespart und demzufolge auch Heuersdorf gerettet werden.

Das Projekt "Virtuelles Kraftwerk" in Heuersdorf

Weitere Untersuchungen sind noch erforderlich, um die Einsparwirkung des virtuellen Verfahrens zu ermitteln. Da aber Strom, Erdgas und Heizöl noch relativ preiswert sind, befassen sich nur wenige Verbraucher mit der gezielten Senkung ihrer Energiekosten. Das Projekt erfordert gleichwohl einen geschärften Sinn für Ressourceneinsparung. Die Bürger von Heuersdorf sind um die Durchführung der Untersuchungen besonders motiviert, da sie sonst mit dem Verlust ihrer Heimat rechnen müssen.

Zwei Einflußgrößen werden dabei ermittelt:

Das technische Einsparpotential. Der jetzige Energieverbrauch wird gemessen und mit jener Energiemenge verglichen, die mit ökonomisch vertretbaren Mitteln eingespart werden kann.

Die Rolle menschlichen Verhaltens beim Energiesparen. Die Reaktion der Verbraucher auf die Informationsübermittlung wird untersucht. Unter den günstigsten Bedingungen kann das technische Einsparpotential durch Abstimmung mit dem Lebensumfeld realisiert werden.

Die hierzu erforderlichen Untersuchungen sind in Heuersdorf bereits von einem Ingenieurteam eingeleitet worden, das auch die Computerprogramme für den Informationsaustausch vorbereitet. Aus der erreichten Einsparmenge geht die Kapazität des Virtuellen Kraftwerks in der Gemeinde hervor.

Wieviel Energie läßt sich einsparen?

Durch die Einbeziehung weiterer Gemeinden in diese Strategie wird der Ersatz ganzer Kraftwerke zur realistischen Perspektive. Das Einsparen von Ressourcen durch verbesserte Information spart Geld, erhöht die Transparenz von Entscheidungen und festigt letztlich auch demokratische Strukturen.

Die Verfügbarkeit der Kommunikationstechnik erschließt neue Wege der Ressourceneinsparung durch das virtuelle Ersatzverfahren. Mit den übertragenen Informationen können unersetzliche Natur- und Kulturwerte noch effektiver geschützt werden.

Für weitere Auskunft

Jeffrey H. Michel, Energiebeauftragter