Stärkung der MIBRAG durch Insolvenz und Umsiedlung

Jeffrey H. Michel
Februar 2005

Mit der Privatisierung der MIBRAG (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH) zur Jahreswende 1993/1994 erfolgte erstmalig der Einstieg eines ausländischen Konsortiums in den deutschen Energiemarkt. Wegen der schwierigen Absatzbedingungen für Rohbraunkohle und der stark rückläfigen Brikettnachfrage steht heute der Umsatz des Bergbauunternehmens noch weit hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück. Doch seitdem der 50prozentige MIBRAG-Eigentümer Washington Group International (WGI) am 14. Mai 2001 Vergleichsverfahren anmeldete, hat sich diese Auslandsbeteiligung als Schatztruhe bewährt.

Das Unternehmen aus Boise im US-Bundesstaat Idaho brachte die notwendige Bergbauerfahrung bei der MIBRAG ursprüglich unter dem Namen Morrison Knudsen (MK) ein. 1998 wurde die Firma in Washington Group International umgenannt. Der amerikanische Baulöwe Dennis R. Washington hatte zwei Jahre zuvor MK übernommen, um sie vor dem Bankrott zu bewahren. Der 1934 geborene Washington zählt mit einem geschätzten Privatvermögen von 1,6 Milliarden Dollar zu den reichsten Bürgern der USA. Seine Unternehmen rangierte vor dem Insolvenzverfahren an vierter Stelle unter den amerikanischen Baukonzernen. Es ist weltweit mit Industrie- und Regierungsaufträgen betraut.

Doch Anfang 2001 fehlten Washington plötzlich 700 Millionen Dollar aufgrund unerwartet hoher Zahlungsverpflichtungen bei zwei Kraftwerksprojekten. Die Rohbauten waren beim Erwerb der Raytheon Engineers & Constructors (RE&C) im Bundesstaat Massachusetts übernommen worden. Raytheon soll die anhängigen Verbindlichkeiten unterbewertet haben.

Als Washington am 2. März 2001 ankündigte, ihren nächsten Quartalsbericht bei der US-Börsenaufsicht SEC nicht fristgerecht abgeben zu können, fiel der Kurswert der 52 Millionen Aktienanteile schlagartig von 8 auf weniger als 2 Dollar. Nach der Beantragung des Vergleichsverfahrens wurde die Aktie zum Pennystock degradiert und wenig später aus dem Börsenhandel gezogen. Dennis Washington drückte seine Sympathie für “die Großmutter da draußen” aus, die womöglich ihren Lebensabend mit WGI-Aktien hat absichern wollen.

Nach dem US-Wertpapiergesetz besassen die Aktionäre das Eigentum an dem “großartigen Unternehmen” (so die WGI-Selbstdarstellung) “mit über 35.000 Mitarbeitern in 43 Bundesstaaten und mehr als 35 Ländern”. Doch das Vergleichsverfahren wurde ohne deren Wissen eingeleitet. Bei der vom US-Insolvenzrecht vorgeschriebenen Bevorzugung von Kreditgeber- und Gläubigeransprüchen bleibt ein Verlustausgleich für die Aktionäre nahezu ausgeschlossen. Da das Gericht auch keine Kapitalisierung des WGI-Auslandsbesitzes anordnete, um den Aktienwert zu stützen, war dessen Absturz vorprogrammiert. Die MIBRAG und alle weiteren Beteiligungen im Übersee konnten unbeschadet zur Kreditsicherung bei der Firmenneugründung eingebracht werden.

Nach dem vom Insolvenzgericht genehmigten Umorganisationsplan für die Washington-Gruppe wurden 25 Millionen neue Aktienanteile an die früheren Gläubiger verteilt, die auch neun von insgesamt 12 Sitzen im Aufsichtsrat eingenommen haben. Rund 500 WGI-Mitarbeiter hatten bereits 25,9 Millionen Dollar als Treueprämie erhalten, um sie weiter an den Konzern zu binden.

Die alten Aktionäre erlitten hingegen einen Wertverlust von ca. einer halben Milliarde US-Dollar, als ihre Anteile für ungültig erklärt wurden. Der Amerikaner Mark Halvorsen verlor an einem Tag eine viertel Million Dollar, den Großteil seiner Altersversorgung. Er stellte resigniert fest: “Es widert mich an, dass Leute mit einem derartigen Selbstachtungsgefühl andere Menschen kannibalisieren können und dennoch mit dem Irrglauben leben, dass sie verantwortungsvoll sind.”

Schweigen im mitteldeutschen Revier

Der Konkurs von WGI war niemals ein Thema für die Öffentlichkeitsabteilung der MIBRAG. Der Eindruck eines schuldenfreien Unternehmens wurde bis zur Sanierung von Washington Group International Anfang 2002 erfolgreich aufrechterhalten. Diese Taktik hatte schon einmal bei der Rettung des insolventen Vorgängerbetriebs Morrison Knudsen funktioniert, von der die deutschen Medien ebenfalls keine Notiz nahmen.

Ein Ruf als “Enron des Ostens” würde dem mitteldeutschen Revier wahrhaftig schlecht bekommen. Denn die MIBRAG zählt zu den wenigen Betrieben, die Investitionen in die Region gebracht haben, wenngleich das zunehmend zum Nachteil einer zukunftsfähigen Energiewirtschaft erfolgt.

Bis 2040 sollen insgesamt rund 800 Millionen Tonnen Braunkohle südöstlich von Halle abgebaut und vornehmlich an die Großkraftwerke Lippendorf und Schkopau geliefert werden. Die Förderung weicht allerdings in vielen Punkten von den ursprünglichen Planungsannahmen ab. Der Bedarf an Braunkohle für die Brikettproduktion am Tagebau Profen bei Zeitz ist vollkommen eingebrochen. Nach der Schließung der “Phönix”-Fabrik am 30. Juni 2000 in Mumsdorf wurde auch gegen Jahresende 2003 das verbleibende Werk Deuben stillgelegt. Die Fördermengen in Profen werden aber andererseits durch die stark wasserhaltige Kohle wieder erhöht, die einen zusätzlichen Brennstoffeinsatz im Kraftwerk Schkopau erforderlich macht.

Das Kraftwerk Lippendorf nimmt etwa 11 Millionen Tonnen Rohbraunkohle pro Jahr aus dem zweiten Tagebau Vereinigtes Schleenhain ab. Es bleibt jedoch fraglich, ob der für vier Jahrzehnte benötigte Brennstoff allein in diesem Tagebau gewonnen werden kann. Denn die sächsische Ortschaft Heuersdorf weigert sich beharrlich, ihre Ortslage mit rund drei Prozent des MIBRAG-Gesamtkohlevorrats zu räumen. Ihr Gegenvorschlag über eine enge bergbauliche Umfahrung des Ortes wird von dem Unternehmen mit Hinweis auf die bestehende Planung abgelehnt.

Mit der fortgesetzten Braunkohlennutzung ist die Missachtung internationaler Klimaschutzziele verbunden, die eine gezielte Herabsetzung der verfeuerten Braunkohlenmengen zwingend erforderlich macht. Die Braunkohle deckt rund 11 Prozent des Primärenergiebedarfs in Deutschland, doch sie ist zu fast 22 Prozent am CO2-Ausstoß beteiligt. Es ist deshalb anzunehmen, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Braunkohlenverstromung durch den eruropaweiten CO2-Handel zunehmend eingeschränkt wird. Die Versicherungsindustrie befasst sich auch mit einer emissionsabhängigen Staffelung ihrer Prämienstruktur, um steigenden Schadensersatzforderungen bei klimabedingten Naturkatastrophen nachzukommen. Heuersdorf spricht sich angesichts dieser Entwicklungen für eine Diversifizierung der regionalen Stromerzeugung durch CO2-neutrale Windparks und Biomasse-Kraftwerke aus. Durch die schrittweise Umstellung auf regenerative Energien könnte die Emission von Treibhausgasen reduziert und das unternehmerische Risiko verringert werden. Es würden zusätzliche Arbeitssplätze zur Herstellung und Anwendung erneuerbarer Energietechnik entstehen. Die Umsiedlung von Heuersdorf wäre dadurch überflüssig, da insgesamt weniger Braunkohle zur Bereitstellung der gleichen Strommenge erforderlich wäre.

Ausweitung des Finanzstrudels

Nach der erfolgten Sanierung von Washington Group International im Januar 2002 wurden neu aufgelegte Aktien an die Gläubiger verteilt. Das Unternehmen ist seit August 2002 der Technologiebörse Nasdaq wieder gelistet. Der seither gestiegene Kurswert ist auf die gute Auftragslage unter anderem im Dienste der US-Regierung zurückzuführen.

Die Finanzlage bei WGI hatte sich aber kaum stabilisiert, als eine noch gravierendere Entwertung des Kapitalstocks der MIBRAG beim zweiten US-Eigner NRG Energy aus Minneapolis, Minnesota drohte. Das Unternehmen hatte im Frühjahr 2001 die Anteile des damaligen dritten Partners PowerGen an der MIBRAG und am mitteldeutschen Braunkohlenkraftwerk Schkopau übernommen. Die britische PowerGen besass zu viele Kraftwerke im In- und Ausland, um unter den verschärften Bedingungen des Energiemarktes ihren Kreditverpflichtungen nachzukommen. PowerGen wurde wenig später von der deutschen E.ON Energie erworben.

NRG Energy gab die Hälfte ihrer PowerGen-Braunkohlenanteile an Washington Group International ab, so dass beide Unternehmen fortan zu 50 Prozent an der MIBRAG beteiligt waren. Doch im Februar 2002 forderten 16 Gläubigerbanken von NRG Energy angesichts ihrer drohenden Zahlungsunfähigkeit die Veräußerung sämtlicher ausländischen Beteiligungen, da sonst keine Aussicht auf die Rückzahlung von Verbindlichkeiten um 10,2 Milliarden Dollar bestand. Neben dem halben Eigentum an der MIBRAG und einem 41,1prozentigen Anteil am Kraftwerk Schkopau zählte NRG Energy weitere 20 Kraftwerke im Übersee sowie die in der Tschechischen Republik tätige Stromhandelsgesellschaft Entrade. Die Aufforderung der Banken wurde Mitte 2002 auf 14 der insgesamt 67 NRG-Kraftwerke in den USA ausgeweitet. Doch nur einige wenige Objekte konnten veräußert werden.

Der US-Mutterkonzern Xcel Energy gab im Oktober 2002 die Abschreibung von über zwei Milliarden Dollar bekannt, um sich von NRG Energy weitestgehend zu lösen. Während dadurch die Veräußerung aller inländischen Kraftwerke zurückgestuft werden könnte, standen die ausländischen Beteiligungen vorerst weiter zum Verkauf an. Anfang Oktober hatte NRG Energy die Zahlung vom zwei fälligen Zinsraten über 13 Millionen und 21,6 Millionen Dollar nicht geleistet. Am 01. November wurde eine weitere Zinszahlung von 9,6 Millionen Dollar versäumt. Das Unternehmen sollte dann einen Umstrukturierungsplan unter den veränderten Schulden- und Eigentumsverhältnissen vorlegen. Die Muttergesellschaft Xcel Energy Inc. bot den Gläubigern und Anleihensbesitzern die Übernahme von NRG bei Zuzahlung von 300 Millionen Dollar an. Die 2,9 Milliarden Dollar, die Xcel in NRG investiert hatte, seien dabei “ein Totalverlust” gewesen.

Nach Information der Märkische Allgemeine Zeitung (20. November 2002) wollte NRG Energy bis Ende 2002 ihren 50prozentigen Anteil an der MIBRAG verkaufen. Da jedoch weiterhin eine rechtliche Grundlage für die Umsiedlung von Heuersdorf fehlte, wurde eine Wertermittlung der angebotene Braunkohlenvorräte für die Ausschreibung erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Am 17. Dezember 2002 gab die MIBRAG bekannt, dass NRG ihr Eigentum an dem Unternehmen nunmehr halten würde. Zwei Tage später berichteten Zeitungen in den USA über die Entlassung der Vizepräsidentin Renee Sass, die bei NRG Energy für den weitgehend misslungenen Verkauf der ausländischen Beteiligungen verantwortlich gewesen war.

Zwischen Xcel, NRG und den insgesamt 19 Gläubigern wurden Verhandlungen über eine vorbestimmte Insolvenz geführt, um eine Eigentumsübertragung ohne langwierige Gerichtsverfahren zu ermöglichen. Da die Verluste für das Jahr 2002 höher als erwartet ausfielen, wurde am 14. Mai 2003 ein Vergleichsverfahren als unumgänglicher Schritt zur Auflösung des hohen Schuldenstands beantragt. Der kommissarische Hauptgeschäftsführer, John Boken, sagte den Abschluss des Verfahrens gegen Ende 2003 voraus (Star Tribune, 15. Mai 2003). Die US-Insolvenzrichterin Prudence Carter Beatty genehmigte schließlich am 24. November einen Plan, in dem die Übernahme von NRG Energy durch alle Gläubiger vorgesehen war (Pressemitteilung, 24.11.2003; Pioneer Press, 25.11.2003). Ein zweites Vergleichsverfahren der Stromhandelstochter NRG-Power Marketing Inc. sollte parallel dazu beendet werden. Die Schulden des Unternehmens betrugen zu diesem Zeitpunkt 11,6 Milliarden Dollar. David Crane von der Londoner Firma International Power trat am 01. Dezember als neuer Präsident und Hauptgeschäftsführer an. Am 05. Dezember wurde die Beendigung des Vergleichsverfahrens bekanntgegeben (Star Tribune, 06.12.2003). Ähnlich wie bei Washington Group International erhielten die Gläubiger neu ausgegebene Wertpapiere sowie zusätzliche Barzahlungen. Das Unternehmen bileb mit 4,4 Milliarden Dollar verschuldet.

Wesentliche Veränderungen für die 475 Beschäftigten in Minnesota sowie für die 3.100 Arbeitnehmer in der ganzen Welt waren vorerst nicht geplant, doch inzwischen wurde die Unternehmenszentrale nach West Windsor im US-Bundesstaat New Jersey verlegt. Xcel trennte sich gänzlich von NRG Energy und zahlte während der ersten fünf Monate 2004 bis zu 752 Millionen Dollar an die Gläubiger in “teilweiser Anerkennung” der Befreiung von allen weiteren Ansprüchen. Um ihre Schulden weiter abzubauen, hat NRG Energy im September 2004 ein Kraftwerk mit 1.160 MW in Minooka (Illinois) verkauft (Business Wire, 13.09.2004).

Die finanziellen Unzulänglichkeiten bei Washington Group International, PowerGen und NRG Energy sollten seit Mitte der 90er Jahre unter anderem durch die Überbaggerung von Heuersdorf teilweise ausgeglichen und zugleich verschleiert werden. Ein solcher Präzedenzfall könnte aber für den Aufbau der ostdeutschen Wirtschaft verhängnisvoll sein, sollten unter ähnlichen Umständen übermäßig hohe Risiken auf der Grundlage ungesicherter Kredite eingegangen werden. Die Umsiedlung von Heuersdorf muss schon aus diesem Grund verhindert werden.


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