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Junge Welt, 26.11.2003

Inland

Jeffrey H. Michel

Windkraft statt Abbaggerung

Das sächsische Heuersdorf steht vor dem Verschwinden wegen des Braunkohle-Tagebaubetriebs

Rund 30 Kilometer südlich von Leipzig liegt Heuersdorf, die kleinste Gemeinde Sachsens. Nach der Vorstellung deutscher Energiepolitiker sollte ihre 700jährige Geschichte längst beendet sein. Die drohende Vernichtung des Ortes schlummert in den Braunkohlenflözen unter der Erdoberfläche.

Im vergangenen Jahrhundert verwandelten die Böhlener Karbochemie, die Espenhainer Kohleveredelung und das Kraftwerk Thierbach die reichhaltige Gemüsekammer zwischen Markkleeberg und Borna in eine Kraterlandschaft. Der Tagebaubetrieb verschlang 1965 den Nachbarort Schleenhain und rückte nach Heuersdorf weiter vor. Doch nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik sank der Bedarf an ostdeutscher Braunkohle auf ein Viertel des früheren Niveaus. Der sächsische Landwirtschaftsminister, Dr. Rolf Jähnichen, erklärte angesichts dessen im November 1993, daß trotz des Neubaukraftwerks Lippendorf bei Böhlen der Verbleib von Heuersdorf »sicher« sei.

Mit der Privatisierung des Bergbauunternehmens MIBRAG zur Jahreswende 1993/94 drängte aber die neue amerikanische Geschäftsleitung wieder auf die Abbaggerung. Die Braunkohle unter Heuersdorf beträgt zwar nur drei Prozent des Gesamtvorkommens im mitteldeutschen Revier. Die entsprechende Stromerzeugung reicht nicht einmal aus, die Standby-Schaltungen sämtlicher deutscher Farbfernseher zu betreiben. Doch im Zeichen anhaltender Arbeitslosigkeit wird jeder Strohhalm als Stützpfeiler des wirtschaftlichen Aufbaus propagiert. »Von diesem Projekt geht ein Signal aus, ob es sich lohnt, in Sachsen zu investieren«, erklärte unlängst ein Hauptvorstandsmitglied der Bergbaugewerkschaft IGBCE. Die steht bereits für den Niedergang von Horno, bislang allerdings nicht für angemessene Folgeinvestitionen in der Lausitz.

Rund die Hälfte der 320 Heuersdorfer sind bereits mit finanzieller Unterstützung der MIBRAG umgezogen. Denn Anträge auf Fördermittel für Sanierungen im Ort waren stets abgelehnt worden. Das Verlassen des Dorfes bedeutete aber keinesfalls ihr Einverständnis mit dessen Zerstörung. Bürgermeister Horst Bruchmann wurde auch mit ihren Stimmen im Amt bestätigt. Das 100prozentige Wahlergebnis galt stets der Erhaltung von Heuersdorf mit seinen rund 40 eingetragenen Baudenkmälern.

Die MIBRAG rechnet bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit mit altgewohnten Reflexen des Gesetzgebers und der Allgemeinheit. In auflagenstarken Ausgaben der buntgedruckten »Infobriefe« verbreitet sie ein Gemisch aus Wahrheit und Legende. Die bereits umgesiedelten Heuersdorfer treten mit Dauerlächeln vor antiseptisch gepflegten Häusern auf. Zahlreiche Bürgermeister aus der Umgebung, aber auch zwei Ministerpräsidenten, hohe Staatsbeamte, Geschäftsleute, Techniker, Gewerkschafter und sogar unabhängige Journalisten legen sich ins Zeug für das Unternehmen. Die zum Verbleib entschlossenen 160 Heuersdorfer, um deren Umsiedlung es bei dieser Kampagne allein geht, kommen selbst nicht zu Wort.

Während sich aber die Einwohnerzahl inzwischen stabilisiert hat, ist der Braunkohleabbau zunehmend vielen Risiken ausgesetzt. Das sächsische Wirtschaftsministerium hat am 5. November auf eine Kleine Anfrage der PDS-Umweltsprecherin Andrea Roth eingestanden, daß der Kraftwerksbetreiber Vattenfall Europe zur Abnahme der MIBRAG-Braunkohle gar nicht verpflichtet ist. Die Räumung von Heuersdorf setzte jedoch einen garantierten Kohleabsatz bis 2040 voraus. Der Kraftwerksvorstand von Vattenfall, Reinhardt Hassa, hat bereits Anfang Oktober eine Arbeitsgruppe der IHK Leipzig über zukünftige CO2-Handelspreise und die Option einer Erdgasfeuerung unterrichtet. Sein Vortrag wäre unter der festen Absicht einer 40jährigen Braunkohleverstromung wohl überflüssig gewesen.

Obwohl das Kraftwerk Lippendorf einen hohen technischen Stand mit einer elektrischen Nettoleistung von 1 730 MW aufweist, werden maximal 310 MW an Fernwärme nach Leipzig und weiteren Kommunen geliefert. Erhebliche Mengen unverbrauchter Heizenergie gehen deshalb aus der CO2-belasteten Braunkohle über die Kühltürme verloren.

Heuersdorf hat den Vorschlag unterbreitet, klimapolitische Verantwortung wieder in einen regionalwirtschaftlichen Rahmen zu setzen. Die MIBRAG-Bagger sollen rund 22 Millionen Tonnen Braunkohle unter den bewohnten Ortsteilen nicht abbauen. Die entsprechende Einschränkung um 25 Terawattstunden Strom in Lippendorf könnte durch etwa 100 Windkraftanlagen zu je drei MW ausgeglichen werden. Diese Turbinen würden auf dem MIBRAG-Betriebsgelände zusätzlichen Gewinn einfahren, um den Verzicht auf Heuersdorf aufzuwiegen. Die eingesparten 25 Millionen Tonnen Kohlendioxid hätten nach Einführung des Emissionshandels 2005 einen dreistelligen Millionenwert für Vattenfall sowie die weiteren Kraftwerkseigentümer E.ON und EnBW.

Fünf Prozent der Elektroenergie im Einzugsbereich von Lippendorf könnten dadurch ohne fossile Brennstoffe erzeugt werden. Da die Bundesregierung den Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch bis 2012 auf 12,5 Prozent erhöhen will, stellt die bisherige Leipziger Quote von beinahe null den programmierten Rückzug aus Förderprogrammen und Forschungsinitiativen dar.

Das Sächsische Oberverwaltungsgericht hat nun vor zwei Wochen auf Antrag von Heuersdorf den Braunkohlenplan Tagebau Vereinigtes Schleenhain für nichtig erklärt. Die Staatsregierung will trotzdem am 27. November ein neues Heuersdorf-Gesetz zur Auflösung der Gemeinde in den Landtag einbringen. Dessen erste Fassung scheiterte bereits im Jahre 2000 vor dem Verfassungsgerichtshof. Die Umsiedlung von Heuersdorf soll nach Vorstellung der MIBRAG spätestens 2005 abgeschlossen sein.

Die Gemeinde hat aber juristische Mittel gegen alle weiteren Umsiedlungsversuche angekündigt. Ein Termin für die Abbaggerung läßt sich deshalb nicht mehr festlegen. Der alternative Ausbau regenerativer Energien würde unter diesem Umstand die notwendige Planungs- und Absatzsicherheit für die MIBRAG wiederherstellen.



Jeffrey H. Michel ist Energiebeauftragter von Heuersdorf